DIE ZEIT: Herr Schnalke, Sie leiten das Medizinhistorische Museum der Charité. Und Sie haben die Macher der gleichnamigen ARD-Serie, deren letzter Teil gerade ausgestrahlt wurde, beraten. Wie gefällt Ihnen das Ergebnis?

Thomas Schnalke: Im Grunde ganz gut. Wir diskutieren heute ja intensiv über die Möglichkeiten und die Grenzen der modernen Medizin. Ich finde es wichtig, dass die Menschen verstehen, woher unsere Vorstellungen auf diesem Gebiet kommen.

ZEIT: Moderne Medizin und historisches Krankenhaus-Epos, das klingt nach zwei grundverschiedenen Dingen.

Schnalke: Die Serie lenkt den Blick auf eine prägende Phase gegen Ende des 19. Jahrhunderts, in der die naturwissenschaftliche Medizin ihre Grundausstattung erhalten hat. In dieser Zeit entstand unser heutiges Verständnis vom Körper, von Gesundheit und Krankheit. Da gab es Rudolf Virchow, der immer gesagt hat: Wenn es auf zellulärer Ebene falsch läuft, wird der Körper krank. Dann kam Robert Koch und lenkte die Aufmerksamkeit auf einen externen Feind, das Bakterium. Koch meinte: Wenn ich bei einem Menschen Tuberkulose-Erreger nachweisen kann, ist er krank. Und dann haben sich zwei Mitarbeiter von Koch, Emil Behring und Paul Ehrlich, das Blut genauer angeschaut.

ZEIT: Klingt nach Grundlagenforschung ...

Schnalke: Damals starben viele Kinder und Jugendliche an der Diphtherie, einer ansteckenden Atemwegserkrankung. Behring gelang es mithilfe von Ehrlich, ein wirksames Heilserum für die Diphtherie herzustellen, das die Kindersterblichkeit radikal reduzierte. Behring bekam dafür 1901 den ersten Medizinnobelpreis, noch vor Koch – was den sehr gewurmt hat.

ZEIT: Im Fernsehen werden solche historischen Fakten mit fiktiven Figuren und viel Herzschmerz vermischt. Event-Serie heißt das dann. Ist es der richtige Weg, um die Geschichte der Medizin zu vermitteln?

Schnalke: Der primäre Zweck ist gute Unterhaltung. Im besten Fall entwickeln die Zuschauer eine Haltung, gerne eine kritische. Etwa wenn sie sich fragen, ob damals wirklich alles so geschah, wie sie es jetzt vorgesetzt bekommen. Dann können sie im Internet recherchieren, oder sie kommen zu uns ins Museum.

ZEIT: Tun sie das?

Schnalke: Ja, wir haben im Moment durch die Serie mehr Besucher.

ZEIT: Als Sie zum ersten Mal das Drehbuch gelesen haben, dachten Sie da auch irgendwann: Das war aber völlig anders damals?

Schnalke: Klar. An einigen Stellen wurde auch nachgebessert. Zum Beispiel wurde Rudolf Virchow in einer früheren Fassung als Altmeister der Klinik beschrieben. Er war aber nie Kliniker, sondern durch und durch Pathologe, hatte ausschließlich mit toten Menschen zu tun.

ZEIT: Was hat Ihnen besonders gefallen?

Schnalke: Die Arbeit der Kostümbildnerin! Sie hat hier im Museum recherchiert, wollte etwa wissen, welche Leinenstoffe damals verwendet wurden. Sicher waren die Kleider in Wirklichkeit stärker abgetragen als im Film, aber sonst: Genau so waren die pflegenden Diakonissen damals gekleidet. Auch die Kleidung der Ärzte ist gut getroffen.

ZEIT: Welche hygienischen Verhältnisse herrschten an der Charité im Jahr 1888?

Schnalke: Ärzte und Schwestern haben sicher Wert auf saubere Kleider gelegt, aber sonst mangelte es an der Hygiene. Das Krankenhaus war alt und in einem schlechten Zustand, mit riesigen Bettensälen, wenigen Toiletten, ohne Elektrizität. Dort wurde zwar Spitzenforschung betrieben, aber der Patientenalltag sah oft schlimm aus. SPD und Gewerkschaften riefen zum Boykott auf, die Krankenkassen stellten zwischenzeitlich die Zahlungen an die Charité ein. Auf diesen Druck hin wurde die Klinik ab 1896 komplett neu errichtet. Damals entstanden die Gebäude, die wir heute als historischen Campus in Berlin-Mitte kennen. Aus heutiger Sicht hat erst diese Reaktion auf die Hygienemängel die Charité fit gemacht für das 20. Jahrhundert.

ZEIT: Im Film sitzt die fiktive Hauptfigur Ida Lenze am Bett ihrer Freundin, die an Tuberkulose erkrankt ist und hustet. Welches Wissen hatten Forscher damals über die Ansteckung?

Schnalke: Man wusste, dass Bakterien von einem Menschen zum anderen übertragen werden. Eine interessante Schutzmaßnahme kommt kurz in der Serie vor, der Blaue Heinrich, ein Taschenspucknapf. Das ist zwar historisch nicht ganz korrekt, weil er im Krankenhaus damals keine Rolle spielte. Aber in den Sanatorien wurden die Tuberkulose-Kranken dazu angehalten, in diese blauen Flaschen abzuhusten. Weil man wusste, dass das Sputum Träger der Bakterien ist, sollte es gezielt aufgefangen und entsorgt werden.