Auch mir passiert es, dass ich mich an manchen Donnerstagabenden, statt auszugehen, vor einem Fernseher wiederfinde (ich selbst habe keinen). Sie ahnen es vielleicht: Es läuft dann Germany’s next Topmodel. Weil meine Freundinnen das ironisch schauen, gibt es keinen Erdbeerprosecco wie bei Anna-Lisa in Gelsenkirchen, sondern Skinny Bitch. Der Name "dürre Schlampe" passt gut zu der Zeit, aus der man diesen Drink kennt. Berühmt wurde er nämlich durch die Supermodels der Vorgängergeneration, allen voran Kate Moss. In den Neunzigern galt ja noch das Diktat des heroin chic, also Knochen statt Muskeln. Anders als heute ließen sich Fashionistas nicht mit grünen Säften und Yogamatte, sondern mit Zigarette und Cocktailglas fotografieren.

Dass kein Barkeeper behauptet, den Skinny Bitch erfunden zu haben, liegt womöglich auch an dessen Schlichtheit. Er besteht aus Wodka, Soda und Limette. Auch nach dem fünften Glas ist der Atem frisch wie ein zuckerfreies Mentos, vor allem aber hat er praktisch keine Kalorien.

Für Genießerinnen ist der Skinny Bitch allerdings der Magerquark unter den Cocktails. Beim ersten Schluck schmeckt er nämlich nach nichts. Beim zweiten auch nicht. Beim dritten konzentriert man sich stark auf das fliegengewichtige Limettenaroma und sehnt beinahe die künstliche Erdbeere im Gelsenkirchner Prosecco herbei. Eine Frau ohne Rundungen ist wie ein Himmel ohne Sterne, und ein Drink ohne Eigengeschmack hinterlässt ein ähnlich schales Gefühl. Zu Recht gilt unter Barkeepern die Regel, dass es keinen vernünftigen Drink auf Wodkabasis gibt.

Nachdem der Skinny Bitch mitsamt seinen skeletthaften Konsumentinnen in Vergessenheit geraten war, erlebt er gerade ein Revival. Nicht auf der Karte ernst zu nehmender Bars, aber bei Vernissagen und Fashion-Week-Partys. Plötzlich passt er wieder hervorragend in unsere fitnessverliebte Gegenwart, die den Rausch will ohne Kater und am besten auch noch ohne Kalorie. Taylor Swift verriet kürzlich der Vogue, ihr Lieblingsgetränk sei Wodka mit Diätcola. Das ist mindestens genauso traurig, aber immerhin ein Wässerchen mit Geschmack.

Bleibt die Frage, warum wir bei unseren ironischen TV-Abenden dann nicht bloß Wasser trinken und uns so pro Glas die knapp 200 Kalorien des Wodkas sparen? Weil der Skinny Bitch betrunken macht – und anders ist Heidi Klum selbst in Gesellschaft der liebsten Freundinnen nicht auszuhalten.