Künstler können sich ihre Bewunderer nicht aussuchen. Aber es lässt sich denken, dass ihnen der Zuspruch von Barbaren weniger bedeutet als das Urteil der Kultivierten. Und so würde man einem Künstler wie Kendrick Lamar, einem, der sich tatsächlich in schwindelnden Höhen bewegt, manchmal ein besseres Publikum wünschen. Eines, dessen Lob nicht in Wahrheit eine schwere Beleidigung ist. Denn zu viele Leute mögen Lamar bloß deswegen, weil sie Hip-Hop verachten. Weil dieser Lamar irgendwie anders ist als die ganzen anderen Rapper, die immer nur "bitch", "nigga" und "fuck" singen. Weil Lamar über die Probleme der Welt nachdenkt und musikalisch eigentlich fast schon dem Jazz zuzurechnen ist. Die Ahnungslosigkeit, mit der viele Kendrick Lamar Bewunderung aussprechen, erinnert an einen Betrachter, der dem Maler mit unschuldigem Ernst ein Kompliment macht für das Holz, auf das seine Leinwand gespannt ist.

Lamars Debüt, Good Kid, M.a.a.d. City, war ein sofort eindeutig identifizierbarer Klassiker, eine über zwölf Tracks ultraraffiniert gewobene Geschichte der Jugend zwischen Gangs und Musik in Compton, Los Angeles. Das folgende Album, To Pimp A Butterfly, brachte Lamar 2015 elf Grammy-Nominierungen ein, es war diese riesige, schwere, jazzlastige Platte, mit der Lamar endgültig auch die europäischen Feuilletons für sich gewinnen konnte, die vor allem nicht genug kriegen konnten von den politischen Texten voller Reflexionen über das, was man in den USA black experience nennt, also das Leben als Nachkomme verschleppter Sklaven in den ärmsten Umfeldern eines institutionalisiert gegen einen gerichteten, lebensgefährlichen Staates. So wie bei Lamar, das wurde deutlich, stellten sich Weiße und Europäer guten Hip-Hop vor. Große Freude allerorten, dass einer von diesen Rappern endlich mal verstanden hat, worum es geht, und dass "pussy", "money" und "weed" als die üblichen Hip-Hop-Themen ja wirklich stumpf sind. Von profunder Unkenntnis zeugt dieses genuin perverse Lob für eine musikalische Kultur, die immerhin fast vierzig Jahre alt ist und die ganze Welt erobert hat.

Nun hat Lamar vor wenigen Tagen ein neues Album herausgebracht, Damn., und es ist ein drittes Meisterwerk geworden. Schon die ersten Minuten sind unvergesslich. Mit einer kleinen Geschichte, erzählt von schönster Streichermelodie, wird der Zuhörer in den Kopf des Erzählers geholt und dessen Welt aus Einsamkeit, Gewalt, aus Liebe, Zartheit, Hoffnung und Glauben. Was folgt, sind dreizehn weitere Nummern, textlich und musikalisch so feinmaschig durchkomponiert und ineinander verwoben, dass am besten der schöne deutsche Ausdruck "Dichtung" passt. Damn. ist eine Platte voller Schmerz, Zweifel und Trauer, sie nimmt umfangreich Bezug auf die Bibel, das Ghetto, auf Donald Trump und die vorangegangenen Arbeiten von Lamar.

Zugleich, und das macht den größten Spaß an dieser Platte aus, ist sie den klassischen Mustern von Hip-Hop viel deutlicher verpflichtet als ihr Vorgänger. Die Beats sind gerader und die Themen, die immer wieder umkreist werden, viel bekannter: Der rappende Rapper ist der Größte, er hat das meiste Geld, er vögelt deine Frau besser als du, er ist der Gefährlichste. Lamar wirft sich damit also wieder in das Getümmel zurück, die lustige Dauerschlägerei der Rapper im Hinterhof, wo sie aus Asphalt und Kugeln Hip-Hop kochen. Lamar kehrt zurück, um die Konkurrenz Mores zu lehren. Und man muss ihm weitestgehend zustimmen, wenn er sagt, verglichen mit ihm seien die anderen peasants, " Bauern".

Wirklich interessant ist, welche Qualität Kendrick Lamar dann doch abgeht und wie der Mangel ihm auch selbst immer wieder schmerzlich bewusst zu sein scheint. In seiner Feinheit und Reflektiertheit fehlt Lamar das, was man swag nennt: die dumme, aber bezwingende Gelassenheit des selbstgewissen Königs, die absolute, eiskalte Coolness des Typen, dem alles egal ist, weil er vor nichts mehr Angst oder Untertänigkeit kennt. Rapper wie Jay Z oder Young Thug lassen Lamar in dieser Hinsicht seltsam dürr erscheinen. Sie haben swag, er nicht. Vielleicht ist Kendrick Lamar trotzdem der größte Rapper, den es bisher gab.