Während die ARD einen Brennpunkt über das Referendum in der Türkei sendet und Kommentatoren das drohende Ende der türkischen Demokratie verkünden, sitzt Mualla Yilmaz auf dem Sofa ihrer Eltern, isst Schokoladenkuchen, schaut türkisches Fernsehen und freut sich. Es ist noch früh am Abend, aber schon jetzt ist klar: Das türkische Volk hat entschieden, sein politisches System zu einem Präsidialsystem umzugestalten, zu einem Modell, das hierzulande viele für autokratisch halten. Yilmaz lächelt, für sie ist es ein guter Abend. "Endlich mehr Ruhe für die Türkei", sagt sie.

Tornesch, eine Stadt nordwestlich von Hamburg, gleich hinter Pinneberg, eine schlichte Siedlung aus mehrstöckigen Mehrfamilienhäusern: Hier wohnt Mualla Yilmaz mit ihren Eltern. Ihr Bruder ist aus Hamburg gekommen, gemeinsam hockt die Familie auf einem Sofa, das fast das halbe Wohnzimmer ausfüllt.

Familie Yilmaz unterstützt die AKP, Erdoğans Partei. Alle haben beim Referendum mit Ja gestimmt. Die größte Bewunderin des türkischen Präsidenten ist die Jüngste: Mualla, 22 Jahre alt. Gemeinsam mit ihrem Bruder hat sie im türkischen Konsulat bei der Organisation der Abstimmung geholfen, als Freiwillige der AKP. Und auf Facebook hat sie Seiten wie diese abonniert:

"Wir lieben Erdoğan"

"Wir haben Erdoğan"

Liderlerin Lideri Erdoğan – übersetzt heißt das: "Erdoğan, Führer aller Führer".

Mualla Yilmaz lebt in Deutschland, seit sie vier Monate alt ist, in die Türkei fährt sie nur im Urlaub. Dennoch interessiert sie sich mehr für türkische als für deutsche Politik. Sie verehrt einen Staatsmann, den die meisten deutschen Experten für einen rücksichtslosen Unterdrücker halten.

Yilmaz ist mit ihrer Einstellung nicht allein: Viele junge Deutschtürken beschäftigen sich mehr mit türkischer als mit deutscher Politik, obwohl sie teils nur gebrochen Türkisch sprechen. In Hamburg zeigte sich das zuletzt, als der türkische Islamverband Ditib in die Kritik geriet. Jugendliche Ditib-Mitglieder hetzten auf Facebook gegen Christen, sie feierten türkische Soldaten und lästerten über deutsche Demokraten.

Man muss auf Facebook nicht lange suchen, um mit jungen Hamburger Männern in Kontakt zu kommen, die hiesige Werte verachten, Erdoğan aber für seinen "Mut" und seine "Aufrichtigkeit" verehren, dafür, dass er "mit den Bürgern befreundet" sei. Einer dieser Männer postet: "Oh Erdoğan, gib uns den Befehl, und wir zerschlagen Deutschland." Ein anderer: "Erdoğan, unser Führer, wir folgen dir."

Mualla Yilmaz würde so etwas nie schreiben, sie ist zu klug für kritiklose Begeisterung, kann nur darüber lachen, dass Erdoğan Merkel als Nazi-Führerin bezeichnete. Aber auch sie schreibt auf Facebook in Türkisch: "Führer der Welt: 1. Recep Tayyip Erdoğan 2. Meine Mutter", dahinter ein rotes Herz.

Woher kommt die Verehrung für Erdoğan? Und was bedeutet sie für das Verhältnis junger Deutschtürken zu dem Land, in dem sie wohnen? Wer einige Zeit im Wohnzimmer der Familie Yilmaz verbringt, kann viel lernen über die Widersprüchlichkeit von Integration.