Kaum ist der erste Schock über das deutliche Votum der Deutschtürken für die Verfassungsänderung in der Türkei vorüber, da wird die Beruhigungsmaschine angeworfen. Die satte Mehrheit hierzulande für Erdoğans Präsidialsystem – 63 Prozent – wird folgendermaßen kleingerechnet: Lege man die Gesamtzahl der wahlberechtigten Türken in Deutschland zugrunde, hätten nur 29 Prozent für Erdoğans Machterweiterung gestimmt.

Nur? So richtig der Hinweis ist, dass die Ja-Stimmen nicht die Mehrheit der Deutschtürken repräsentieren, weil viele gar nicht wählen gingen – beruhigend ist die bereinigte Zahl nicht. Verstörend bleibt: Fast ein Drittel der Deutschtürken stimmte für die Einführung eines autoritären Staates, für die Abschaffung der Gewaltenteilung, letztlich für die Todesstrafe.

Schon trudeln handliche Erklärungen ein. Die Türkische Gemeinde, in der vorwiegend Erdoğan-Gegner organisiert sind, sieht Ausgrenzungserfahrungen als Grund für die Popularität des Präsidenten: Das Votum für dessen neue Türkei sei ein Protest gegen die Diskriminierung der Türken hier. Schon wahr: Es gibt Vorurteile und Benachteiligung. Doch hohe Arbeitslosigkeit und den niedrigen Bildungsstand unter vielen Deutschtürken kann man damit allein nicht erklären. Die Ergebnisse des Referendums in deutschen Städten lassen sich auch als Selbstausgrenzung lesen. Eine krude Logik: Aus Trotz gegenüber der deutschen Gesellschaft, in der viele immer noch nicht angekommen sind, stimmt man für die Autokratie in der Türkei, deren großen Führer man aus der Ferne zwar anhimmelt, unter dessen Herrschaft man aber selbst nicht leben will? Das ergibt keinen Sinn.

Eine andere Erklärung sieht auf den ersten Blick überzeugender aus: Es handele sich bei den Türkeistämmigen in Deutschland überwiegend um Einwanderer aus ländlichen Gebieten Anatoliens, traditionell und religiös-konservativ geprägt. Diese Menschen fühlten sich durch Erdoğan verstanden und verteidigt.

Es sind aber durchaus nicht nur die Armen und Ungebildeten, die der Ja-Kampagne zum Durchbruch verholfen haben. Im Übrigen sind ja die wenigsten Deutschtürken vorgestern aus Anatolien eingewandert. Der Anwerbestopp für Gastarbeiter war im Jahr 1973. Da kann man das Votum der Deutschtürken in Dortmund, Hamburg und München doch nicht aus der vermeintlichen Rückständigkeit des türkischen Hinterlandes ableiten. Es liegt klammheimliche Herablassung darin: Die Armen, sie wissen es nicht besser.

Das Votum jener Deutschtürken, die zum Referendum Ja sagten, aus Diskriminierung und Bildungsmangel herzuleiten kommt einer wohlwollenden Entmündigung der Wähler gleich. Sie definiert diese als Opfer – ironischerweise genau wie Erdoğan es gern tut, um nationale Wallungen heraufzubeschwören.

Meist folgt dann die etwas hilflose Forderung, man müsse eben mehr für Integration und politische Bildung tun. Kann es nicht sein, dass in der Betrachtung der Deutschtürken entweder als Opfer oder als Adressaten von Integrationsmaßnahmen das eigentliche Problem liegt? Das erschreckende Votum vom Sonntag wäre ein guter Anlass, mit solchem Paternalismus Schluss zu machen.

Es sind interessanterweise junge Leute aus der dritten Generation, die den Kern jener national-islamischen Bewegung ausmachen, die in deutschen Städten Erdoğans Wahlsieg organisiert hat. Unter ihnen finden sich viele Akademiker, eloquente Juristen und Jungunternehmer, die in Talkshows flüssig erklären können, warum die Abschaffung aller Checks and Balances im neuen Präsidialsystem ein Meilenstein für die türkische Demokratie ist.

Sie wollen die Fusion aus nationalem Sendungsbewusstsein und islamischer Renaissance. Die türkische Republik von 1923 soll bis zu ihrem hundertsten Geburtstag abgewickelt und durch einen neo-osmanischen Staat unter Sultan Erdoğan ersetzt werden.

Was nun? Wütende Forderungen bringen nichts: Geht doch nach drüben? Hat schon im Kalten Krieg nicht funktioniert. Den Doppelpass abschaffen? Das bestraft auch die Neinsager, die man eher stützen müsste. Den EU-Beitrittsprozess beenden? Wer glaubt noch daran?

Besser wäre es, ohne Scheu und Herablassung eine Ideologie zu bekämpfen, die auf demokratischem Weg die Demokratie abschaffen will.

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