Die Menschen, denen Heinz Galle in den Hausfluren begegnet, nennen ihn niemals Herrn Galle. Einige von ihnen nennen ihn "Drecksau", andere "Schwein" oder "Arschloch". Sie brüllen ihn an, wenn er vor ihrer Tür auftaucht, und sie beleidigen ihn, wenn er nach dem Besuch die Treppe hinuntereilt. Das Leben dieser Menschen ist ein anderes, nachdem Heinz Galle sie besucht hat. Er bestimmt darüber, ob sie kochen können, wann sie schlafen, ob sie warm duschen können und ihr Kühlschrank noch funktioniert.

Heinz Galle, 57, ist Elektriker, und er würde nie von sich behaupten, er sei ein mächtiger Mann. Seine kurzen Haare sind grau meliert, nichts an ihm ist besonders auffällig. Fünf Tage pro Woche fährt er in seinem weißen Hyundai, den er "Reiskocher" nennt, durch die Ruhrgebietsstädte Gelsenkirchen, Bottrop und Gladbeck. Als einer von acht sogenannten Sperrkassierern klemmt er im Auftrag eines Energieversorgers Menschen den Strom ab. Er greift in fremde Leben ein, Tausende hat er schon vom Stromnetz genommen. Das ist sein Job.

Würde Heinz Galle die Geschichte der sozialen Ungleichheit in Deutschland erzählen, wäre es eine über Licht und Finsternis. Menschen, die sich elektrisches Licht leicht leisten können, kämen in dieser Geschichte vor – und solche, die im Dunkeln leben.

Sechs Millionen Menschen bekommen hierzulande im Jahr einen Brief mit der Ankündigung, dass ihnen der Strom abgestellt wird. Rund 330.000 Anschlüsse werden danach tatsächlich gesperrt, ein Drittel davon in Galles Bundesland Nordrhein-Westfalen.

In Galles Geschichte kämen säumige Mieter vor, aber keine Politiker. Dabei wäre es wichtig zu erkennen, dass es eine Verbindung gibt zwischen Heinz Galle, den Abgeklemmten und der Politik. Forscher haben dieser Verbindung einen Namen gegeben: Energiearmut. Je nachdem, mit welchen Zahlen sie rechnen, sind zehn bis zwanzig Prozent der Deutschen davon betroffen. Dass ihr Anteil in den vergangenen Jahren so stark gestiegen ist, liegt vor allem an einer Reform, auf die die Politiker stolz sind: der Energiewende.

Auch in Gelsenkirchen kann man den Wandel der Energiewirtschaft spüren. "Als ich klein war, war die Luft hier noch schwarz", sagt Heinz Galle. Vor mehr als zwanzig Jahren von der rot-grünen Regierung verabschiedet, dann kurz revidiert und seit 2011 von der CDU nach dem Atomunglück im japanischen Fukushima noch beschleunigt, entwickelte sich die Abkehr von der Kohle- und Atomenergie zu einem der größten wirtschaftspolitischen Reformprojekte in der Geschichte der Bundesrepublik. Überall im Land sieht man die Resultate: Windräder auf Feldern, Solarpanels auf Hausdächern. Heute stammen rund 30 Prozent des Stroms aus grünen Energiequellen, und Politiker lassen sich dafür feiern.

Was die Energiewende kostet

So setzt sich der Strompreis in Deutschland zusammen.

Quelle: BDEW, Stand: Februar 2017 © ZEIT-Grafik

Die Geschichte hat aber noch eine Kehrseite, die dazu führt, dass Elektriker wie Heinz Galle so viel zu tun haben: So wie die Energiewende heute finanziert wird, werden ärmere Menschen stärker belastet als Besserverdiener.

Um Windräder und Solaranlagen fördern zu können, wurde die sogenannte EEG-Umlage erfunden. Sie wird auf den Strompreis aufgeschlagen und macht heute beinahe 25 Prozent der Stromkosten aus. Ein Durchschnittshaushalt bezahlt heute mit rund 85 Euro im Monat mehr als doppelt so viel für Strom wie noch 2000, als die Umlage eingeführt wurde. So konnte zwar die Energiewende rasant umgesetzt werden. Doch laut einer neuen Studie von Ökonomen des RWI – Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung bringt das untere Einkommensdrittel heute rund 30 Prozent der Kosten für die Umlage auf, während das obere Drittel rund 35 Prozent dazu beiträgt. Und das, obwohl dort ein Vielfaches verdient wird.