Aus dem brackigen Wasser ragen Schilfstängel empor, die dicht stehenden Bäume haben ihre Zweige so sehr ineinander verhakt, dass nur da und dort ein Stück blauer Himmel durchblitzt. Ein Prater-Idyll. "Es ist eine Qualität von Wien", sagt Ernst Molden, "dass es da Flecken in der Stadttopografie gibt, wo die Wildnis eindringt, wo man urban bleiben kann und sich trotzdem wie im Dschungel fühlt. Das ist hier, das ist mein Ort."

Sobald es warm geworden ist, hält sich der Sänger und Songwriter gern am Lusthauswasser auf, in einem entlegenen Teil der alten Aulandschaft. Hier kann er ungestört sinnieren und meditieren, hier schreibt er, auf einem umgestürzten Baumstamm sitzend, Liedtexte und notiert Aphorismen. Der Spross einer berühmten Zeitungs- und Verlegerdynastie begann seine Karriere als verlorener Sohn einer Großbürgerfamilie. Der Bohemien inszenierte sich im New-Wave-Wien der achtziger Jahre als unzeitgemäße Dandy-Figur, schrieb Romane von zweifelhafter Qualität, die im Nichts verpufften, und schnüffelte als Lokalreporter im Abgrund der Metropole herum. Er versuchte sich als Theaterautor und fand erst spät zu seiner Rolle als Dialekt-Poet, der eingehüllt ist in ein amerikanisches Blues- und Folk-Geflecht. Der Musiker, der seit 20 Jahren konsequent an seiner Karriere arbeitet, ist, so scheint es, endlich angekommen und künstlerisch mit sich im Reinen. "Ich repräsentiere hier in Wien den soliden Pop-Mittelstand", sagt er. Nicht ohne mit ironischem Lächeln hinzuzufügen: "Obwohl ich ständig vom Absturz ins Prekariat bedroht bin."

Wenn es die Temperaturen erlauben, empfängt Ernst Molden in seinem Freiluftbüro im Prater. Um den Hals trägt er eine Kette mit magischen Glasperlen, auf dem Kopf einen Indiana-Jones-Hut. Im Moment durchlebt er keine Arbeitsphase, sondern eine Periode des Überganges und der Kontemplation. Dieser Tage erscheint sein neues Album Yeah!. Ein Titel wie ein Jubelschrei, der die wahrscheinlich gelungenste Song-Kollektion anpreist, die dem Künstler bislang gelungen ist. Molden singt bekiffte Moritaten von Haschisch-Hendln und skizziert mit knappen Strichen Wiener Stadtlandschaften. Eingespielt wurde Yeah! mit Willi Resetarits, der als die Kunstfigur Kurt Ostbahn berühmt gewordenen ist, mit dem Akkordeon-Virtuosen Walther Soyka und dem einfallsreich kolorierenden Gitarristen Hannes Wirth.

Neu an der Platte ist, dass sie nicht in Österreich aufgenommen wurde, sondern, weit entfernt vom lokalen Geschehen, in Triest. "Ich habe durch Zufall eine Villa auf den steilen Hügeln hinter dem Stadtzentrum entdeckt", erzählt Molden. Man transportierte mobiles Aufnahmegerät in die Hafenstadt und nahm ganz ohne Schnickschnack in wenigen Tagen das ganze Album auf: "Direkt aufs Stereoband, ohne Mix und Postproduktion."

Es war eine lange und seltsame Reise, die den Sänger und Songschreiber dorthin geführt hat, wo er sich heute befindet. Geboren wurde er 1967 in Döbling als Sohn von Fritz Molden, dessen Lebensgeschichte zu den schillernsten Biografien der Zweiten Republik zählt: Widerstandskämpfer im "Dritten Reich", Journalist, Zeitungsherausgeber, der mit seinen Blättern zeitweise den Wiener Markt dominierte, und Verleger zahlreicher Bestseller. Eine Wiener Institution mit internationaler Ausstrahlung. "Meine Eltern hielten geradezu Hof", erzählt Ernst Molden heute. "Da fuhr Friedrich Torberg im Sportwagen vor wie ein Literaturkaiser und wurde auch so empfangen. Ein traditionelles Familienleben gab es allerdings nicht. Ich versteckte mich meist in meinem Zimmer und beobachtete die Frösche und Kröten in meinem Terrarium. Da hatte ich meine Ruhe, weil allen vor den Viechern grauste."