Die Volksschule besuchte der Sohn aus bestem Döblinger Haus und Enkel der Dichterin Paula von Preradović, der Verfasserin der Bundeshymne, in der Grinzinger Straße, wo sich die näselnde Jeunesse dorée aus den Döblinger Regimentern mit den proletarischen Gfrastern aus dem Karl-Marx-Hof mischte. Und in der Hammerschmidtgasse, damals noch eine G’stetten, der Molden Jahrzehnte später einen Song widmete, trafen die unterschiedlichen Jugendbanden aufeinander und ritterten um die Vorherrschaft im Bezirk: "I sog seavas zu meiner Gossn", sang er später, "und die Gossn griasst ned retour."

Vater Fritz scheute Zeit seines Lebens vor keinem Risiko zurück. 1982 hatte er aber sein Blatt endgültig überreizt: Der Verlag ging pleite, und die Familie übersiedelte in das Tiroler Bergdorf Alpbach, wo die Mutter noch ein Haus besaß, das nicht Teil der Konkursmasse war, und wo Onkel Otto jeden Sommer ein internationales Diskussionsforum veranstaltete. Ernst Molden, der in der gerade erwachenden Wiener Punkszene erste Initiationsriten erlebt hatte, fand sich plötzlich in der tiefsten Pop-Provinz wieder: "Man trank Bier und hörte Bob Dylan. Mein Gitarrenlehrer brachte mir uralte Spieltechniken aus dem Mississippi-Delta und aus den Appalachen bei – alles fand in Zeitlupe statt. Als ich fünf, sechs Jahre später nach Wien zurückkehrte, war ich komplett umgedreht und hatte mich in einen Folkbarden verwandelt." Damit war in dem grellen, neonbunten Milieu der neuen Avantgarde wenig zu gewinnen, und Molden, ein chamäleonhafter Maskenspieler, legte sich schnell eine neue Identität zu. Er bereicherte das Wiener Nachtleben mit seiner Inkarnation eines postviktorianischen Dandys. Er kleidete sich in dreiteilige Anzüge, klemmte sich einen graziösen Gehstock unter den Arm, rezitierte Baudelaire und Rilke. Eine Zeit lang bewohnte der Dekadenz-Darsteller sogar ein Zimmer im schwülen Stundenhotel Orient. "Meine Helden waren Georg Trakl und H. C. Artmann", erzählt er. "Ich hatte als Zwanzigjähriger ein wahnsinniges Bedürfnis, alt zu sein. Ich wollte eine Fin-de-Siècle-Figur werden, um ins eigene Schreiben reinzukommen. Das war eine dieser Künstlerbehauptungen, die aber nicht ewig halten – irgendwann braucht man ein Werk." Die Musik hatte der Exzentriker zu diesem Zeitpunkt aufgegeben. Stattdessen betätigte er sich als Lokalberichterstatter und Polizeireporter bei der einst väterlichen und großväterlichen Tageszeitung Die Presse. "Das war der einzige Beruf, den ich je erlernt habe", sagt der Selfmadejournalist. Zugleich schrieb er Romane und war Dramaturg und Hausautor im Wiener Schauspielhaus.

Als der durchschlagende Erfolg ausblieb, erinnerte sich Ernst Molden an seine Gitarre. Wieder einmal war er der richtige Mann am falschen Ort oder der falsche Mann am richtigen Ort: "Es war die Kruder-&-Dorfmeister-Zeit, die Musik, die damals gehört wurde, entstand am Computer. Ein Mann mit Gitarre wirkte wie ein Alien." Unter dem bombastischen Namen Teufel und der Rest der Götter veröffentlichte er ein überproduziertes Debütalbum, das mörderisch floppte und in den Medien verhöhnt wurde. Es dauerte Jahre, bis er sich wieder aufgerappelt hatte. Die viele Tagesfreizeit nutzte er, eine Familie zu gründen, der er sich bis heute mit Hingabe widmet.

Ab der Jahrtausendwende ging es dann langsam, aber stetig bergauf: Molden band sich langfristig an eine Plattenfirma und lernte Szeneleute kennen, die ihn davon befreiten, als uncool zu gelten. Jahr um Jahr entstanden neue Platten, erst auf Hochdeutsch, seit der Hammerschmiedgossn auch im breiten Dialekt, der mittlerweile zu seinem natürlichen sprachlichen Habitat geworden ist. Neben der Produktion von eigenen Liedern "bewohnt" er auch die großen Songs von angloamerikanischen Songwritern wie Bruce Springsteen und übersetzt sie ins Wienerische – wobei ein gewisser Lost in Translation-Effekt Teil des Charmes ist.

Ernst Molden hat sich, immer noch deutlich neben dem Mainstream im aktuellen Pop, eine eigene musikalische Welt geschaffen, die authentisch wirkt – aber vielleicht doch wieder nur eine neue Inszenierung ist. Er streckt die Fühler in alle Richtungen aus und lässt Dinge zusammenwachsen, die eigentlich nicht zusammengehören. Auf Yeah! spannt er einen weiten stilistischen Bogen, der vom Delta-Blues bis zum Wienerlied reicht, von delikaten Gitarren-Arpeggien bis zum Bänkelgesang im Stile eines Tom Waits. Nach vielen Jahren der kritischen Distanz entwickelte er ein völlig entspanntes Verhältnis zum heimischen Musikschaffen: "Ich war ja immer gegen diese generelle Verdammung des Austropop", sagt Ernst Molden, "diese Verachtung, die schon in den achtziger Jahren eingesetzt hat und als Befreiungsschlag sehr wichtig war. Man musste sich von diesen selbstgefälligen alten Deppen einfach ein bisschen distanzieren." Trotzdem sieht er sich heute auf eine eigene, schräge Weise als Erbe dieser Tradition, die er, immer noch der Lokalreporter mit ingeniöser Sprachkultur, mal derb, mal zart, weiterführt: ein Magus aus dem brackigen Cajun Country im Prater. Die Zigarette im Mundwinkel, träumt er sich in Louisiana-Sumpflandschaften hinein und tauscht dort das ewige Leben gegen "den aan Moment mit dia untan Baam" ein.