Ein Bekenntnis vorweg: Ich gehöre zur Generation der sogenannten Kriegsenkel, bin Kindeskind von Vertriebenen aus dem Baltikum, und immer wenn ich nach Estland fahre, komme ich mir auf wundersame Weise uralt und federleicht vor. Angefüllt mit Gedanken, die mich über alle Zeitläufte und Ländergrenzen hinwegtragen, dorthin, wo es ganz sicher wieder so schön sein wird, wie es niemals gewesen sein kann.

Traumata vererben sich, heißt es. Ein familiäres Gedächtnis, erzählte Biografien auch.

Ein Dreivierteljahr ist meine letzte Reise in den Norden nun her, Hochsommer war es, und woran ich mich erinnere, ohne in meinen Recherche-Unterlagen zu wühlen und Interviews abzuhören, ist vor allem dieses verrückte kleine bohrende Heimatgefühl, das ich nirgendwo sonst auf der Welt habe. Ein Gefühl von Ruhe und von Schmerz, von Himmel und Licht.

Mit dem Seebad Pärnu, das früher einmal Pernau hieß, hatte meine Familie nicht viel zu tun – außer dass man sich durch das Wasser mit allen Baltendeutschen verbunden fühlte, die an den Küsten lebten. Pärnu liegt hoch oben am Rigaischen Meerbusen, hat rund 42.000 Einwohner und eine Architektur, die von den typischen Holzhäusern geprägt ist, wie man sie überall im Baltikum findet, aber auch von Jugendstil, Art Nouveau und etwas vom Bauhaus. Seit dem frühen 19. Jahrhundert gilt Pärnu als "Estlands Sommerhauptstadt", seines weißen Sandstrands und des Heilschlamms wegen, der hier aus der Ostsee gefördert und zur medizinischen Anwendung gebracht wird.

Das Meer ist extrem flach, man muss mehrere Hundert Meter Richtung Horizont stapfen, um schwimmtaugliche Tiefen zu erreichen. Bei Wellengang trägt die Gischt bräunliche Kronen, des Schlammes wegen, und im Winter, wenn die Tage so kurz sind, das man unversehens von einer Dämmerung in die nächste fällt, friert die Bucht rasch zu. Dann knirscht und knackt es aus der Tiefe, vor allem nachts, und raunt von früher.

Das erste Mal war ich kurz nach Weihnachten 2004 in Pärnu, das Meer knirschte und knackte, und am anderen Ende der Welt, rund um den Indischen Ozean, ereignete sich die große Tsunami-Katastrophe. Die Fernsehbilder eines brachial zerstörten exotischen Paradieses standen in einem unfassbaren Kontrast zur eisigen Stille der Natur um uns herum. Jetzt, zwölf Jahre später, bin ich wieder hier, es ist Sommer, wie gesagt, und die Tage sind so lang, dass man aufpassen muss, die Nächte nicht zu vertun. Ich besuche das Pärnu Music Festival, das in sein sechstes Jahr geht und gewissermaßen eine Erfindung des Järvi-Clans ist, der berühmten estnischen Musikerdynastie. Dass auch Künstler den Weg in die Sommerfrische von Pärnu finden würden, war klar. Die Komponisten Dmitri Schostakowitsch und Aram Chatschaturjan gehörten zu den Stammgästen, und der Geiger David Oistrach veranstaltete in seiner Datscha nicht nur Konzerte, sondern führte dort auch stolz den Plattenspieler vor, den er auf einer seiner Tourneen in Ost-Berlin erworben hatte. Für die sowjetische Intelligenzia war das kleine Pärnu ein mondänes Schaufenster zum Westen.

Oistrach, erzählt der Dirigent Neeme Järvi, 79, einer der Begründer der Dynastie, habe gerne dirigieren lernen wollen. "'Neeme', sagte er, 'zeig mir, wie das geht.'" Und sein Jugendfreund Neeme zeigte es ihm: "Mit seinen kleinen runden Händen konnte er es schließlich ganz gut." Wir sitzen in einer Garderobe des 2002 neu erbauten Konzerthauses von Pärnu (900 Plätze im großen Saal, 170 im kleinen), Neeme Järvi und sein Sohn Paavo, ebenfalls ein international renommierter Dirigent. Kleine Schwarz-Weiß-Fotografien zeigen Paavo als schmales blasses Jüngelchen an der Seite eines verschmitzt dreinblickenden Schostakowitsch. Kaum haben wir angefangen zu reden, schaut seine Schwester Maarika zur Tür herein, die Flötistin, "Tere!", "guten Tag", später gesellt sich Mutter Lillian dazu.

Die Järvis sind für Estland das, was für die Deutschen vielleicht die Wagners sind, nur weniger ideologisch. Das Festivalprogramm zählt neben Neeme, Paavo und Maarika auch Madis, Mari, Marius, Martin, Mihkel, Miina und Teet Järvi als Mitwirkende auf, sie spielen Bratsche, Klavier, Orgel, Cello oder Geige. Nur Kristjan Järvi, Neemes jüngerer Sohn, der Chef des MDR Sinfonieorchesters in Leipzig, hatte diesen Sommer keine Zeit. Es ist der schiere Enthusiasmus, der aus dem winzigen Oistrach-Festival zunächst ein Järvi-Festival und seit 2010 dann das Pärnu Music Festival erwachsen ließ. Eine Metamorphose nicht ohne Ansprüche. "Anfangs", sagt Paavo Järvi und blickt aufs Jahr 2010, "waren wir hier sehr familiär. Das sind wir immer noch, aber das Niveau ist gestiegen, technisch wie künstlerisch."

Eine Woche dauert das Festival, Symphonie- und Kammerkonzerte werden durch Meisterkurse und eine Akademie für junge Dirigenten ergänzt. Die leiten Neeme und Paavo gelegentlich auch zusammen, dann steht der Sohn vorn am Dirigentenpult und korrigiert Körperhaltung und Schlagtechnik der Kandidaten, während der Vater an der Seite sitzt und gut gelaunt schnauft: "And now: magic!" Oder: "Manche spielen Beachvolleyball, Sie spielen Sibelius!" Vor Bewerbern jedenfalls kann sich die Akademie kaum retten. Das Dirigieren habe sich zu einer regelrechten Seuche entwickelt, klagt der Meister schmunzelnd.