Gerade komme ich von einer Expedition zurück. Ich war im Norden Nicaraguas und habe nach einem Frosch gesucht. Bisher haben wir die Art nur als Kaulquappe nachweisen können, jetzt suche ich das ausgewachsene Tier. Meistens bin ich mit zwei oder drei Kollegen unterwegs, diesmal war es anders: Weil der Norden Nicaraguas gefährlich und kaum erschlossen ist, bestand die Regierung darauf, uns Begleitschutz mitzuschicken. Zehn Soldaten und ein Koch begleiteten uns, wir zelteten im Dschungel. Ich weiß, das klingt absurd: Eine schwer bewaffnete Truppe sucht einen Frosch.

Es geht mir nicht nur um neue Arten, sondern auch darum, zu erfahren, welche bekannten Arten wo vorkommen. Wir sind Froschrufen gefolgt, haben die Tiere gefilmt, ihre Laute aufgenommen und die Daten mit GPS verzeichnet. Auf Forschungsreisen habe ich so viele Geräte mit, dass die Zollbeamten am Flughafen mit den Ohren schlackern. Zum Fangen habe ich einen bissdichten Handschuh und einen Käscher. Als gelernter Tierarzt schläfere ich die Tiere dann ein. Ein Exemplar muss für die Untersuchungen im Labor mitgenommen und öffentlich hinterlegt werden.

Ich bin Biologe, spezialisiert auf Reptilien und Amphibien. Die Suche nach neuen Arten ist ein Nebenprodukt meiner Arbeit, aber von fast jeder Expedition bringe ich neue mit. Über 120 neue Arten habe ich bestimmt, allein im letzten Jahr zwölf neue Echsen in der Karibik. Man könnte meinen, fast 200 Jahre nach Alexander von Humboldt ist die Tierwelt erforscht. Aber die Zeiten zum Entdecken waren lange nicht so gut wie heute.

Grund dafür ist die Genetik. Früher mussten sich Forscher auf sichtbare Merkmale verlassen, um zu entscheiden: Sind diese beiden Eidechsen zwei unterschiedliche Arten oder nur verschieden gemustert? Heute können wir das mittels DNA eindeutig feststellen. Ganz selten kommt es noch vor, dass ich ein Tier fange und sofort weiß: Das ist eine neue Art. Meistens findet man das erst im Labor heraus. Als Entdecker darf ich mir dann den Namen ausdenken. Der eigene Name ist tabu, Eigenlob stinkt. Oft nenne ich die Tiere nach Kollegen. Einer meiner Doktoranden hat einen Salamander nach mir benannt, den Oedipina koehleri – das hat mich sehr gefreut. Man kann aber auch eine Namenspatenschaft kaufen.

Den Frosch in Nicaragua haben wir nicht gefunden, ich werde im Sommer noch mal hinfliegen und mit den Soldaten in den Dschungel gehen. Wenn wir wieder kein ausgewachsenes Exemplar finden, nehme ich einige Kaulquappen in einem kleinen Aquarium mit ins Flugzeug und ziehe sie in Deutschland auf.

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Protokoll: Kersten Augustin