Um die Welt um uns herum zu verstehen, braucht es die richtigen Texte. Zum Semesterstart empfehlen Wissenschaftler ihre Lektüreliste zu aktuellen Fragen. Zusammengestellt hat sie Katharina Heckendorf

Seminar: Wie man Fake-News erkennt

1. Alessandro Manzoni: Die Brautleute, Kap. XXXI

Mailand, 17. Jahrhundert. Die Pest bricht aus. Die Obrigkeiten wollen das nicht wahrhaben und verbreiten bewusst falsche Erklärungen. Sie verweigern nötige Hilfsmaßnahmen, die Krankheit breitet sich rasant aus. Der italienische Autor Manzoni schildert in seinem 1840 erschienenen Roman die katastrophalen Folgen einer korrumpierten Macht, die sich keinem wissenschaftlichen Ethos verpflichtet fühlt. Die klassische Literatur zeigt: Wir schlagen uns schon lange mit Fake-News herum.

2. Aristoteles: Zweite Analytiken, I, 2 71 b 9–72 a 5

Aristoteles definiert die wissenschaftliche Erkenntnis hier als den Anspruch, den Dingen auf den Grund zu gehen und die Schönrederei der Rhetoren zu bekämpfen. Mit seiner Argumentation gibt er seinen Lesern die Möglichkeit, die Künste der politischen Redner seiner (und unserer) Zeit gründlich zu enttarnen. Heute kann man Aristoteles auch als eine Handreichung lesen: Wie müssen wir fragen und analysieren, um unbegründete Behauptungen enttarnen und ihnen Tatsachen entgegensetzen zu können?

3. Kate Starbird: "Examining the Alternative Media Ecosystem through the Production of Alternative Narratives of Mass Shooting Events on Twitter", in: Association for the Advancement of Artificial Intelligence, 2017

Eine falsche Information – etwa bei Terroranschlägen oder Amokläufen – wirkt oft glaubwürdig, weil sie von mehreren Quellen belegt zu sein scheint. Häufig gehen diese Quellen jedoch auf nur eine, nicht weiter begründete Aussage zurück. Die Kraft der Fake-News liegt also in ihren Verbreitungs- und Vervielfältigungsmethoden. Dieser Aufsatz analysiert die Mechanismen der Informationsweitergabe insbesondere in den sozialen Medien.

Anne Baillot, 40, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Centre Marc Bloch in Berlin.

Seminar: Populismus und Demokratie

1. Ernesto Laclau: On Populist Reason. London: Verso 2005

Gewöhnlich halten wir Populismus für ein Problem: Populisten sind antipluralistisch, wettern gegen Eliten und etablierte Institutionen. Der argentinische Theoretiker Laclau aber versteht den Populismus als "politischen Königsweg" und zeigt, wie Populisten unterschiedliche Gruppen frustrierter Bürger erreichen und jeweils versuchen, den Begriff des "Volkes" für sich zu besetzen.

2. J.D. Vance: Hillbilly Elegy. New York: Harper Collins 2016

Wie kommt ein Mann wie US-Präsident Donald Trump an die Macht? Um das zu verstehen, hilft dieser Roman des jungen amerikanischen Autors J.D. Vance. Er versetzt uns in die Tristesse weißer Arbeiterleben in der postindustriellen Provinz. Angesichts von Familientragödien, Arbeitslosigkeit und Drogensucht ahnen wir, warum Desillusionierung und wirtschaftliche Aussichtslosigkeit "abgehängte Modernisierungsverlierer" einen erratischen Populisten wählen ließen.

3. Jeppe Gjervig Gram, Tobias Lindholm: Borgen – Gefährliche Seilschaften

Die dänische TV-Serie lehrt mehr über Demokratie im 21. Jahrhundert als viele Bücher. Weniger machiavellistisch-düster als in House of Cards erleben wir in Borgen, wie Premierministerin Birgitte Nyborg mit Intrigen umgeht und lernen muss: Im Zeitalter stetiger Medienpräsenz und populistischer Verführung ist demokratische Kompromissfindung eine Herausforderung.

Astrid Séville, 32, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Politik- wissenschaft der LMU München.

Seminar: Welche Wirtschaft wollen wir?

1. Bundeszentrale für politische Bildung: Dossier Europäische Schuldenkrise

Wer diese Debatten, Hintergrundtexte und didaktischen Materialien durchgearbeitet hat, versteht, wie die Kontroverse um Deutschlands Exportüberschuss den politischen Frieden in Europa belastet. Während einige das deutsche Modell als Vorbild für ganz Europa sehen, kritisieren die anderen das Lohndumping und die Sparpolitik der öffentlichen Hand.

2. Europäische Kommission: Germany – Review of progress on policy measures relevant for the correction of macroeconomic imbalances, Brüssel 2016

Internationale Organisationen und Ökonomen kritisieren den deutschen Exportüberschuss schon lange. Dass Deutschland so viel mehr exportiert, als es importiert, belastet aus Sicht der Europäischen Kommission nicht nur die Stabilität der Euro-Zone, sondern spiegelt auch Schwächen der deutschen Wirtschaft wider – etwa zu geringe Ausgaben für private und öffentliche Investitionen.

3. Carl Christian von Weizsäcker: Europas Mitte. Mit einer Leistungsbilanzbremse könnte Deutschland für neuen Zusammenhalt unter den Partnern sorgen, in: Perspektiven der Wirtschaftspolitik 2016; 17 (4)

Um Exportüberschuss abzubauen, empfiehlt von Weizsäcker die Befreiung von der Schuldenbremse: Der Staat sollte sich vermehrt verschulden, um die Nachfrage im Inland anzukurbeln.

Till van Treeck, 36, ist Professor für Sozialökonomie an der Universität Duisburg-Essen

Seminar: Die Kosten der Krankheit

1. Stellungnahme des Deutschen Ethikrats: Nutzen und Kosten im Gesundheitswesen – Zur normativen Funktion ihrer Bewertung (2011)

Die Politik übt bei der Debatte über die gerechte Verteilung von Leistungen im Gesundheitswesen eine nicht verständliche Zurückhaltung. Der Deutsche Ethikrat analysiert hier, nach welchen Kriterien medizinische Verteilungsfragen in Zeiten knapper Mittel entschieden werden sollten. Es bestehe stets die Gefahr, dass unterschiedliche Patientengruppen bei der Versorgung zu kurz kommen oder womöglich sogar gegeneinander ausgespielt werden könnten.

2. Timo Meynhardt: Public Value – Die Gemeinwohlfrage im Management, TED-Talk der Leuphana Universität Lüneburg (2015)

In der deutschen Gesundheitspolitik galt lange die Maxime des Gemeinwohls. Doch was heißt das eigentlich? Timo Meynhardt, Psychologe und Betriebswirtschaftler, referiert in diesem Kurzvortrag über einen Begriff, der alles andere als selbsterklärend ist. Motivation und Ziel wirtschaftlichen Handelns muss nicht primär das eigene Wohlergehen sein, sondern es kann sich vorrangig auch auf die faire Entwicklung des Gemeinwesens konzentrieren.

3. Eckhard Nagel: Darf man mit der Krankheit anderer Geld verdienen?, in: Kongresszeitung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, 2017, S. 5–6

Sind Gewinnerwartungen in einem System, das sich hauptsächlich aus Versicherungsbeiträgen einer solidarischen Krankenversicherung finanziert, überhaupt berechtigt? In diesem Aufsatz diskutiere ich diese Frage unter ethischen Gesichtspunkten: Sollten die solidarisch bereitgestellten Mittel nur nach den Geboten der Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit ausgegeben werden?

Eckhard Nagel, 56, ist Professor für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bayreuth.