Amerikanische Fernsehserien haben sich ja schon der verschiedensten familiären Erschöpfungszustände angenommen, aber inmitten all der verzweifelten Ehefrauen, verzweifelten nichtverheirateten Frauen, verzweifelten todkranken Ehemänner ist eine Leerstelle geblieben beziehungsweise als Desiderat sichtbar geworden, und das ist die Lage der naturgemäß ebenfalls verzweifelten Kinder. Desperate Children ist die Serie, die wir jetzt endlich sehen wollen. Kinder am Rande des Nervenzusammenbruchs angesichts schrill verblödeter Eltern, trostloser Vorgärten, ödester Highschool-Partys und grausamster Lehrer. Von den Mitschülern ganz zu schweigen! Was können sich Kinder nicht alles gegenseitig zufügen, die Folter- und Mobbingmöglichkeiten haben sich durchs Internet multipliziert, und zwar höchst fernsehbildertauglich, Sexting ist nur ein Stichwort. Es werden im Netz bekanntlich auch Prügeleien, Folter, echte und vorgetäuschte Morde gepostet, die Serie könnte den Tränen und Infamien der Jugend mühelos sex and crime beigeben, und dazu im Hintergrund immer wieder die verständnislosen Mienen der Eltern, die absichtlich wegblickenden Lehrer. Wenn man nicht überhaupt die Lehrer zum Zentralproblem machen sollte und den Amoklauf des einen oder anderen Schülers als verständlichste aller Taten hinstellen. Wie viele Staffeln würde man einer solchen Serie zutrauen? Sechs oder zehn oder zwölf? Es wäre ja auch der einsamen Tapferkeit der Kinder zu gedenken, die ihrer trunksüchtigen Mutter unter Lebensgefahr an nächtlicher, von Schlägern umlagerter Tankstelle die dringend verlangte Schnapsflasche besorgen. Und dann die Notwendigkeit, das häusliche Elend vor den Nachbarn, den Mitschülern, dem Sozialamt zu verbergen! Gleichfalls zu denken ist an die elende Diplomatie, die Kindern im Umgang mit wechselnden Sexualpartnern der Eltern abverlangt wird. Schon wieder ist so ein dämlicher Macker vor dem Fernseher eingeschlafen, wenn man nach Hause kommt, schon wieder hat so ein Flittchen den Schlüpfer im Bad vergessen. Gibt es diese Geschichten etwa nicht? Oder wäre es gerade die Realitätsnähe, die eine solche Serie für Produzenten unverlockend machte? Andererseits sind da auch der sarkastische Humor und die Schlagfertigkeit, mit denen Kinder gemeinhin dem Schicksal trotzen. Allein schon die Dialoge der Desperate Children würden alles übertreffen. Nur eine Misslichkeit wäre zu erwarten: Die Serie würde ohne Frage für jugendliche Zuschauer nicht freigegeben.

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