Schlagermove, Olympia, G20-Gipfel. Gut zwei Monate vor dem Treffen der Regierungschefs scheint eine nicht kleine Gruppe von Hamburgern zu meinen, dass diese drei Events wunderbar zueinander-, aber nicht hierher passen, in diese mit Harley Days und Hafengeburtstag mehr als genug gestrafte Stadt.

Klamauk, Sport und Politik sind aus dieser Perspektive dasselbe, nämlich Verkehrschaos und Ruhestörung, und womöglich ist das Ganze auch noch gefährlich. In den Worten der Krimiautorin Simone Buchholz, die in der vergangenen Woche in der ZEIT:Hamburg schrieb, warum sie die Stadt während des politischen Spitzentreffens am liebsten verlassen würde: Es sei "ein Wahnsinn, einen G20-Gipfel mitten in einer Großstadt zu veranstalten und damit die zurzeit sowieso akute Terrorgefahr für knapp zwei Millionen Menschen kurzerhand noch etwas zu steigern". Oder, so formuliert der Verfasser eines Leserbriefs an das Hamburger Abendblatt: "Die arbeitende Bevölkerung wird unnötig behindert, ärgert sich, verliert Zeit und Geld."

Solchen Gipfelgegnern muss man mit Hamburger Weltstadtambitionen nicht kommen, sie sind, wie das verlorene Olympiareferendum zeigt, umstritten und womöglich nicht einmal mehrheitsfähig. Hier geht es um etwas anderes: Die neue G20-Kritik trifft einige stillschweigende Voraussetzungen, die ihren Urhebern möglicherweise nicht bewusst sind. Einige sind kenntnis- und gedankenlos, andere getragen von Ressentiments.

Was wäre eigentlich, wenn sich dieselben Regierungschefs in Hamburg träfen, aber zu einem anderen Zweck, nämlich im Rahmen einer Klimakonferenz? Wer die volksfestartige Atmosphäre während des Klimagipfels 2009 in Kopenhagen erlebt hat, der wird bezweifeln, dass Konferenzen von Spitzenpolitikern per se Zumutungen für die Einwohner des Austragungsorts sind oder als solche wahrgenommen werden.

Es liegt viel Demokratieverachtung in der Unterstellung, der G20-Gipfel sei nutzlos

Natürlich ist es möglich, dass der Kopenhagener im Zweifel die Nerven behält, während der Hamburger zur Heulsusigkeit neigt. Plausibler ist aber eine andere Deutung: All die Klagen über die mit internationalen Konferenzen angeblich verbundenen Zumutungen setzen eine implizite Kosten-Nutzen-Rechnung voraus. Im Fall des Klimagipfels war der erwartete Nutzen ein Weltrettungsversprechen, für das viele Kopenhagener die Kosten, nämlich gesperrte Straßen, überfüllte öffentliche Verkehrsmittel, Abfall und Randale, gelassen und bisweilen geradezu freudig ertragen haben.

Im Fall des G20-Gipfels scheint dieselbe Art von Abwägung zu einem anderen Ergebnis zu führen. Nutzen: keiner, Kosten und Risiken: immens, Schlussfolgerung: eine Zumutung.

Natürlich hat jeder ein Recht auf seine eigenen Vorlieben und Abneigungen und seine eigenen Empfindungen angesichts eines Treffens von Politikern. Und natürlich werden sich die Belastungen und Belästigungen nicht gleichmäßig auf das Hamburger Stadtgebiet verteilen, weshalb man aus Sicht von St. Pauli oder des Karoviertels der Ansicht sein könnte, Bewohner ruhiger Wohlstandswinkel sollten sich in dieser Frage zurückhalten.

Aber unabhängig von Wohnort und Standpunkt – jedenfalls im demokratischen Spektrum – sollte man in einer Zeit, in der echte und Handelskriege wahrscheinlicher geworden sind als lange zuvor, nicht darum streiten müssen, ob es sinnvoll ist, dass die politischen Führer und Vertreter von 80 Prozent der Weltbevölkerung sich gelegentlich austauschen. Es liegt eine Menge Politik- und Demokratieverachtung in der impliziten Unterstellung, eine solche Begegnung sei nutzlos.