Sechshundert Delegierte im Saal, dreihundert Journalisten auf den Rängen, Zehntausende Gegendemonstranten draußen vor der Tür – der AfD-Parteitag am kommenden Wochenende in Köln wird für die Partei in der Krise ein Kraftakt. Hans-Holger Malcomeß muss dafür sorgen, dass alles glattgeht. Seit Wochen wacht er über die Teilnehmerlisten, verhandelt mit dem Maritim-Hotel über die Raummiete und legt fest, welcher Redner wann auftritt. Malcomeß leitet die Bundesgeschäftsstelle der AfD in Berlin, er ist derzeit einer der wichtigsten Männer der Partei.

Zugleich verkörpert er wie kaum ein Zweiter die Schwierigkeiten der AfD im Umgang mit dem rechten Rand der deutschen Gesellschaft. Wie weit darf sich eine Partei gegenüber Fremdenfeinden und Geschichtsverdrehern öffnen? Und wie scharf muss sie sich von rassistischen und nationalistischen Gedanken abgrenzen?

Malcomeß, der heute 43 Jahre alt ist, aus Dresden stammt und in der Wendezeit aufwuchs, hat viele Jahre lang ebenjenen Grat zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus beschritten: Als junger Mann hat er sich in der Öffentlichkeit mit Neonazis gezeigt und an ihrer Seite gefeiert. Er hat einen Gesprächskreis organisiert, in dem neben Erzkonservativen auch Rechtsradikale aufgetreten sind. Zuweilen wirkte es, als habe der Mann, der heute die Geschäfte der AfD führt, die Grenzen zum verfassungsfeindlichen Milieu bewusst verwischen wollen.

Im Oktober 1991 findet sich Hans-Holger Malcomeß’ Name im Programm des "ersten Kulturwochenendes der Wiking-Jugend im Gau Sachsen". Malcomeß ist da erst 17 Jahre alt und Mitglied der Deutschen Sozialen Union (DSU). Die Wiking-Jugend (WJ) bietet ihm eine Bühne, er willigt ein. Zu diesem Zeitpunkt gilt die Organisation als einer der größten Verbände junger Neonazis in Deutschland, Aufbau und Struktur sind der Hitlerjugend nachempfunden – inklusive der regionalen Einteilung in Gaue und Horte, paramilitärischer Ausbildungscamps und eines "Bundesführers".

Während sich das Land noch über die fremdenfeindlichen Pogrome von Hoyerswerda empört, spricht Malcomeß vor WJ-Mitgliedern laut Programm über das Thema "Meine Heimatstadt Dresden". Ein Foto zeigt ihn vor einem Banner mit Odal-Rune, jenem Symbol, das auch die Uniformen der SS-Division Prinz Eugen schmückte. In den Erinnerungen eines ehemaligen WJ-Mitglieds an diese Zeit heißt es: "Über Hans-Holger Malcomeß hatte die Wiking-Jugend schon sehr früh Beziehungen zur DSU aufbauen können. Es bestand seit jeher ein herzliches Verhältnis." 1992 hält Malcomeß nach eigenen Angaben einen weiteren Votrag vor der WJ.

Malcomeß erklärt der ZEIT auf Anfrage, die WJ habe damals zumindest in Dresden als "nationalromantisch" und "erlebnisorientierte bündische Jugendbewegung" gegolten, er habe "einige Veranstaltungen" besucht. Allerdings sei ihm "nach einiger Zeit" klar geworden, dass es sich um eine "sowohl straff zentralistisch als auch militaristisch ausgerichtete Struktur mit offenbar neonationalsozialistischer Orientierung" gehandelt habe. Rückwirkend bezeichnet er seinen Vortrag als "Fehler", er sei "auf Abstand" zur WJ gegangen.

Sehr groß kann der Abstand allerdings nicht gewesen sein. 1994 wird die Organisation zwar verboten. In einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts heißt es: "Die Wiking-Jugend verwendet Symbole und Begriffe, die dem Nationalsozialismus zuzuordnen sind, und vermittelt eine positive Erinnerung an maßgebliche Repräsentanten des Hitlerregimes. Sie ist rassistisch und antisemitisch ausgerichtet." Aber Malcomeß scheint das Verbot nicht abzustoßen: 1996, zwei Jahre darauf, feiert er gemeinsam mit einem späteren CDU-Landtagsabgeordneten im Dresdner ABC-Jugendclub Geburtstag – auf der Gästeliste, die der ZEIT vorliegt, stehen die Namen mehrerer Rechtsextremer aus dem Umfeld der WJ.

Beharrlich baut Malcomeß ein Netzwerk unter Sachsens Rechten auf. Mit ein paar Bekannten veranstaltet er von 1994 an eine öffentliche Diskussionsreihe, die später als "Dresdner Freitagsgespräche" bekannt wird. Der Wochenzeitung Junge Freiheit erklärt er damals, er wolle so mit gesellschaftlichen Akteuren aller politischen Lager über Themen wie "Volksgruppenprobleme", "Kriminalität" und "das Verhältnis zwischen Nation und Volk" debattieren. Ein Forum also für den bürgerlich-konservativen Diskurs?

Tatsächlich laden Malcomeß und seine Mitstreiter neben Christkonservativen und Sozialdemokraten immer wieder auch bekannte Rechtsextreme nach Dresden ein – darunter der ehemals von den Grünen unterstützte Bundestagsabgeordnete Alfred Mechtersheimer und der Burschenschaftler Hans-Ulrich Kopp. "Wir wollen uns keine Scheuklappen auferlegen", sagt Malcomeß im Jahr 1996. Soll heißen: Neben seiner DSU dürfen alle mitreden, "von der SPD, FDP, CDU bis zu den Republikanern", die wegen rechtsradikaler Tendenzen in einigen Bundesländern unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stehen. Es ist jene Offenheit gegenüber Rechtsextremen, die Malcomeß’ politisches Engagement in dieser Zeit durchzieht.