DIE ZEIT: Um Ihrer Tochter die Mathematik zugänglich zu machen, haben Sie, Herr Enzensberger, das Buch Der Zahlenteufel geschrieben – die Geschichte des kleinen Robert, der alles hasst, was mit Mathe zu tun hat, und der dann seine Angst verliert.

Hans Magnus Enzensberger: Das Buch zu schreiben war erst eine reine Privatsache, nur für meine Tochter. Ich war ein reiner Amateur. Durch Erscheinen des Buches komme ich nun zu dem vollkommen falschen Renommee, dass ich etwas von der Mathematik verstünde. Der Zahlenteufel wurde mein einziger Bestseller. Drei Millionen Exemplare wurden verkauft, auch in Ländern wie Südkorea oder Brasilien.

ZEIT: Warum gibt es die Mathe-Angst überhaupt, von der auch das Buch handelt? In Russland oder Japan gibt es sie nicht. Und schon gar nicht brüsten sich dort Menschen damit, ein Matheversager gewesen zu sein.

Enzensberger: Das ist ein altes kulturelles Problem, gepaart mit Einschüchterung und Langeweile.

ZEIT: Goethe mochte schon keine Zahlen; die Romantiker fanden Zahlen zu abstrakt ...

Albrecht Beutelspacher: Stimmt, bis auf Novalis!

ZEIT: ... der schwärmte in seinem Monolog von der "wunderbaren Natur" der Zahlen ...

Enzensberger: ... ja, Novalis!

Beutelspacher: Die Menschen haben die Zahlen vor zigtausend Jahren zur Lebensbewältigung erfunden: Sie wollten genau rechnen, brauchten Kalender ...

Enzensberger: ... oder wollten das Land vermessen.

Beutelspacher: Interessanterweise kam gleichzeitig der Wunsch auf, die Welt der Zahlen zu erforschen. So haben die Griechen die Quadratzahlen oder die Primzahlen gefunden. Euklids Elemente ist das bedeutendste Mathematikbuch der Welt. Es ist bis heute gut lesbar. Unglaublich gut!

Enzensberger: Herr Beutelspacher, wie sind Sie auf die Mathematik gekommen? Irgendwann muss es bei Ihnen doch diesen Kick gegeben haben!

Beutelspacher: Das weiß ich nicht genau: Mathe konnte ich einfach immer – anders als Sport und Musik, da musste ich richtig üben, um nur ein bisschen besser zu werden. So gut wie in Mathe wurde ich allerdings nie.

Enzensberger: Sie konnten wirklich immer Mathe? Immer?

Beutelspacher: Ich konnte nie gut kopfrechnen. "Wenn du dich nicht so oft verrechnen würdest, würdest du eine Eins kriegen", sagte mir mein Mathelehrer öfter.

Enzensberger: Ich hatte das Glück, einen Lehrer zu haben, der überqualifiziert war, einen Schüler des großen Physikers und Mathematikers Arnold Sommerfeld. Durch den Krieg hatte es ihn in die Provinz verschlagen. Dieser Lehrer hat mich von der Mathematik überzeugt.

ZEIT: Wie hat Ihr Lehrer das geschafft?

Enzensberger: Er hat die Mathematik nicht wie eine Formelsammlung vermittelt, die man abfragen konnte. Nur eine richtige Lösung hinzuschreiben, ohne zu wissen, warum, hat bei ihm nicht gereicht. Daher habe ich mich später auch so geärgert, dass meine Kinder Mathematik rein mechanisch lernen mussten: wie man das richtige Ergebnis hat, ohne zu verstehen, warum.

ZEIT: Mathematiker haben eine Arbeitslosenrate von 0,8 Prozent, Unternehmen suchen händeringend Mint-Absolventen. Eigentlich kann man jedem Abiturienten daher nur raten, Mathe zu studieren. Warum schaffen es die Schulen aber so selten, Begeisterung für das Fach zu wecken?

Enzensberger: Zu guter Pädagogik gehört die Verführung. Ich gehe manchmal in Schulen und frage die Schüler ganz einfache Sachen: Wenn ihr zu zehnt seid, wie viele Hände drückt ihr, wenn ihr euch verabschiedet? Damit kommt man sofort zu ziemlich aufwendigen Geschichten wie dem Konzept der "Fakultät". Und schon ist ein Stolperstein verschwunden ...

Beutelspacher: Zwei Dinge sind beim Mathe-Unterricht sehr schwierig: Lehrer müssen die Wissenschaft ernst nehmen, und sie müssen die Kinder ernst nehmen. Sie müssen den Schülern zutrauen, das Abenteuer des Denkens zu erleben. Bei guten Aufgaben kommt es gar nicht so sehr darauf an, welche Zahl rauskommt, sondern dass Schüler das Prinzip verstehen, das sie dann auf beliebige Zahlen anwenden.

"Diese Aha-Momente sind das wirklich Wunderbare"

Enzensberger: Das ist dann der Kick!

Beutelspacher: Diese Aha-Momente in der Mathematik sind das wirklich Wunderbare. Wenn eine Gleichung aufgeht und man merkt: Es passt alles gut zusammen.

Enzensberger: Mathematik ist ein Spiel mit bestimmten Regeln. Abschreckend dabei ist vielleicht die Exaktheit, die verlangt wird. Wenn ein Kind plötzlich eine ganz enorme Summe bei einer Aufgabe herausbekommt, bitte ich es: Warum schätzt du nicht erst mal das Ergebnis? Dann merkst du vielleicht, dass du einen Fehler gemacht hast.

Beutelspacher: Wir müssen den Kindern beibringen, Größenordnungen abzuschätzen. Dann verstehen sie auch, wie etwas wächst. Wenn sich etwas verdoppelt, fängt das ja ganz harmlos an: Eins, zwei, vier. Doch dann geht es plötzlich richtig los! Das gibt es ja auch in der Natur ganz oft, wenn Pflanzen oder Tiere irgendwohin exportiert werden, wo sie keine natürlichen Feinde haben. Dann vermehren die sich ganz gesetzmäßig in solcher Geschwindigkeit.

Enzensberger: Was halten Sie denn vom Taschenrechner? Niemand braucht mehr eine Wurzel im Kopf zu ziehen, man tippt das einfach ein ...

Beutelspacher: ... viele können noch nicht einmal 2 x 3 im Kopf rechnen und ziehen bei jeder kleinsten Rechnung das Ding raus. Ich verbiete meinen Studierenden bei Klausuren den Taschenrechner. Sie können alle Aufgaben durch Denken und einige einfache Rechnungen herausbekommen – im Zahlenraum bis hundert muss sich doch jeder sicher bewegen können! Vor dreißig Jahren haben wir in vielen Berufen und auch im Alltag rechnen müssen. Heute müssen wir Rechnen ganz gezielt üben. Darüber sind sich die Didaktiker einig.

Enzensberger: Kinder können das mathematische Denken lernen, sie sind ja nicht blöd. Sie fragen zum Beispiel: "Was ist unendlich?" Meine Tochter hat mit sechs Jahren gesagt: "Gott ist rund", und hat gleich die Erklärung hinzugefügt: weil das die perfekteste Form ist. Das ist doch nicht schlecht.

Beutelspacher: Stimmt. Wenn ich den richtigen Impuls gebe, dann kann sich was entwickeln.

ZEIT: Kann man den Lehrern beibringen, Impulse zu geben?

Enzensberger: Mein Eindruck ist, dass die angehenden Lehrer in der Ausbildung zu wenig Kontakt mit Kindern haben.

Beutelspacher: Die Mathematiker beklagen eher, dass die Ausbildung sehr praxisorientiert ist, dass es zu wenig mathematische Inhalte gibt. Wenn ich erkennen möchte, ob ein Junge oder ein Mädchen einen fruchtbaren Gedanken formuliert, dann muss ich viel Mathematik können. Und ich muss offen gegenüber den Kindern bleiben.

Enzensberger: Man sollte den spielerischen Ansatz dabei nicht vergessen. In einem Würfel ist doch die ganze Wahrscheinlichkeitsrechnung drin!

Beutelspacher: Wenn man das Wissen verfremdet, kann man in der Tat das Gehirn anstoßen. So könnte man Kinder fragen: "Wie oft müsst ihr würfeln, bis alle Zahlen einmal da waren?" Da sagen die dann: "Ich muss sechsmal würfeln." Nee, es ist viel häufiger, zwölfmal, dreizehnmal, manchmal auch zwanzigmal.

ZEIT: Die Mathematik ist als Werkzeug zum Denken vermutlich besser geeignet als Latein, und doch verkaufen viele Lehrer das ihren Schülern nicht gut genug. Warum ist das so?

Beutelspacher: Da gibt es in der Tat noch Defizite. Lehrer müssen von der Mathematik fasziniert sein. Viele studieren aber heute auf Lehramt, weil ihnen nichts anderes einfällt. (Enzensberger lacht) Sie brennen nicht für ein Fach.

ZEIT: Was sollten gute Lehrer vermitteln?

Beutelspacher: Drei Dinge – als Erstes: Mathematik hat einen sehr deutlichen Bezug zur Welt. Die Geburtsstunde der Mathematik war, als Thales im Jahre 585 vor Christus eine Sonnenfinsternis richtig vorhergesagt hat. Wie er das genau gemacht hat, weiß man nicht, doch dass er es geschafft hat, ist dokumentiert. Zweitens: Mathematik ist eine eigene Welt, nicht nur eine Anwendung, sondern eine Kulturwissenschaft: Da geht’s dann um Grenzwerte, um Primzahlen und solche Dinge, die die Menschheit seit ein paar Tausend Jahren faszinieren. Drittens: Mathematik steht in einer Beziehung zu einem selber. Mit anderen Worten: Mir muss es Spaß machen, Mathematik zu machen.

ZEIT: Zwar mag Mathematik Ihnen beiden Spaß machen, viele sind aber nicht bereit, sich zu quälen, um das Glücksgefühl am Ende des Tunnels zu erfahren. Das ist so ähnlich wie beim Erlernen eines Instruments.

Beutelspacher: Wenn man ein Instrument lernt, sollte man auch nicht mit der Geige anfangen, sondern eher mit der Blockflöte. Genauso muss man jungen Menschen ehrlich sagen: Irgendwann wird Mathematik richtig schwierig!

ZEIT: Herr Enzensberger, in Ihrem Buch kriegt die Hauptfigur, der kleine Robert, ja die Kurve, er wird zu einem kleinen Zauberlehrling des Zahlenteufels. Hat Ihre Tochter denn auch die Kurve gekriegt?

Enzensberger: Ja, sie hat einen Schub bekommen ... Ein Schüler freilich hat mir mal gesagt: "Das ist ja alles sehr elementar, was Sie da schreiben, wann kommt denn der zweite Teil?"

Beutelspacher: Das kann ich nur unterstützen!