Das Verblüffendste an der Amtseinführung der beiden evangelischen Pastoren Stephan Rost und Ciprian Mátéfy war die Unaufgeregtheit, mit der sie über die Bühne ging. Die Geistlichen sind das erste schwule Pastoren-Ehepaar der Nordkirche. Vorigen Mai wurden sie während eines Gottesdienstes in der Marienkirche von Sandesneben in Schleswig-Holstein von der Pröpstin Frauke Eiben begrüßt. Die beiden Pastoren leiten die Gemeinde zusammen, und zusammen wohnen sie im Alten Pastorat. Sie sind seit drei Jahren verheiratet. Kennengelernt hatten sie sich im Studium in Leipzig.

Beim Vorstellungsgespräch habe sie sich auf Anhieb gut mit beiden verstanden, sagt Pröpstin Eiben. "Aber sicher war ich mir nicht, ob das gut geht." Heute weiß sie: Die beiden sind ein Glücksfall für die Gemeinde. "Sie halten die richtigen Predigten, treffen den richtigen Ton."

Sandesneben, zwischen Hamburg und Lübeck gelegen, ist kein Landnest. Viele Hamburger sind hierher gezogen und pendeln zur Arbeit. Ruheständler aus Großstädten der Region verbringen nach einem durchgetakteten Berufsleben ihr Alter in dem 300-Seelen-Dorf. Die Weltoffenheit der Sandesnebener zeigte sich bei der Ausschreibung der zwei Pfarrstellen. Dem Kirchengemeinderat war zum Beispiel die Flüchtlingsarbeit wichtig.

Das passte. Soziales Engagement bestimmte bisher schon die Arbeit der beiden Pastoren. Ciprian Mátéfy, 34 Jahre alt, der aus dem rumänischen Brasov stammt, dem früheren Kronstadt, arbeitete in der Johannstadt in Dresden, einem sozialen Brennpunkt, der auch als sächsisches Neukölln gilt. Flüchtlinge und Integration waren seine Schwerpunkte.

Stephan Rost, 39 Jahre alt, in Dresden geboren, hatte zuletzt eine Stelle in einem Dorf in Nordsachsen inne. Das Umfeld der Gemeinde war überwiegend entkirchlicht. Doch diejenigen, die in der Kirche waren, "waren es aus ganzem Herzen". Wie man eine Gemeinde zusammenhält, das habe er dort gelernt: vor allem mit Jugend- und Familienarbeit.

Dass die beiden aus Sachsen wegwollten, lag am Bischof der sächsischen Landeskirche, Carsten Rentzing, der sich selbst als "konservativen Lutheraner" bezeichnet. Ein umstrittener Mann; er war 2015 erst nach mehreren Wahlgängen gewählt worden. Vor seiner Wahl hatte er erklärt: "Die Bibel sagt, dass die homosexuelle Lebensweise nicht dem Willen Gottes entspricht."

Stefan Rost und Ciprian Mátéfy war es in Sachsen nicht erlaubt, zusammen im Pfarrhaus zu leben. Den mühevollen Weg, eine persönliche Ausnahmegenehmigung zu erstreiten, wollten sie nicht gehen.

Für homosexuelle Protestanten kann es einen großen Unterschied machen, wo sie in Deutschland leben. Die 20 evangelischen Landeskirchen halten es uneinheitlich mit der Gleichstellung. Die Spanne reicht von Württemberg, wo die Landeskirche Segnungen homosexueller Paare komplett ablehnt, bis zur Evangelischen Kirche von Hessen-Nassau, die 2013 als erste diese Segnungen mit der Trauung von Mann und Frau gleichstellte. Im vorigen Jahr folgten vier weitere Kirchen, darunter die Nordkirche, zu der Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern gehören.

Die Segnung homosexueller Paare wird hier im öffentlichen Gottesdienst zelebriert, mit der gleichen Liturgie wie eine Trauung, und sie wird als Amtshandlung ins Kirchenbuch eingetragen. Nur Trauung heißt sie nicht – ein Zugeständnis an die Gegner.

Nicht allen Protestanten gefällt die neue Liberalität. Zwar gebe es in der Bibel nur wenige Stellen, an denen ausdrücklich von Homosexualität die Rede sei, schrieb der frühere Bischof des Sprengels Holstein-Lübeck und emeritierte Professor für Neues Testament, Ulrich Wilckens. "Aber sie stimmen darin überein, dass gleichgeschlechtlicher Verkehr Gottes Willen widerspricht." So gelte es im Alten Testament nach Mose als "Gräuel", wenn "ein Mann bei einem Manne liegt wie bei einer Frau". Und im Neuen Testament stelle der Apostel Paulus "gleichgeschlechtlichen Verkehr als besonders 'schändlich' unter allen Sünden der heidnischen Menschheit heraus, die als Strafe den Tod verdienen".