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Vielleicht waren es die Bomben, die nur wenige Meter von seinem Haus entfernt einschlugen. Vielleicht waren es die Gräueltaten seiner Glaubensbrüder, die er Tag für Tag miterlebte. Vielleicht war es auch dieses jesidische Mädchen, das plötzlich in seinem Wohnzimmer stand, kaum zehn Jahre alt. Die Männer in den schwarzen Gewändern hatten es ihm wie ein Stück Fleisch präsentiert: Er könne die Kleine als Sexsklavin halten.

Rakka, Syrien, im September 2015. Anil O., 21 Jahre alt, ist noch keine vier Wochen in der damaligen Hauptstadt des selbst ernannten "Islamischen Staates" (IS), als sein Traum zerplatzt. Er hatte sich das Leben beim IS ganz anders vorgestellt. Gerecht, pflichtbewusst, fromm. Jetzt will er nur noch weg.

Rund ein Jahr später landet Anil O. am Flughafen Düsseldorf. Dort wird der Deutschtürke von der Bundespolizei festgenommen – wegen des "dringenden Verdachts der Mitgliedschaft in der ausländischen terroristischen Vereinigung 'Islamischer Staat'", wie es im Haftbefehl der Bundesanwaltschaft heißt. Hier könnte die typische Geschichte vom Rückkehrer beginnen, der sich mehr oder weniger glaubwürdig von der Terrormiliz lossagt. Der angeklagt und verurteilt wird und für einige Jahre ins Gefängnis muss. Doch dies ist eine andere Geschichte. Denn Anil O. ist nicht irgendein Rückkehrer. Er kennt die wichtigsten Figuren der deutschen Islamistenszene. Und er ist bereit, gegen sie auszusagen.

Ab dem kommenden Montag muss sich Anil O. vor dem 5. Strafsenat des Düsseldorfer Oberlandesgerichts verantworten. Es ist ein schlankes Verfahren, nur drei Verhandlungstage sind angesetzt. Vieles spricht dafür, dass er nur eine Bewährungsstrafe erhält und ins Zeugenschutzprogramm entlassen wird. Denn sein eigenes Verfahren ist nur der Auftakt zu einer Reihe von Prozessen, in denen Anil O. als Kronzeuge auftreten wird. Im Zentrum werden dann drei Männer stehen, die den Behörden als die wichtigsten Figuren des IS in Deutschland gelten. Anis Amri, der Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz, verkehrte monatelang in ihren Kreisen.

Anil O. wächst in Gelsenkirchen auf. Er ist beliebt, ein Musterschüler, der Erste in seiner Familie, der das Abitur macht. An seinem 18. Geburtstag heiratet er seine Jugendfreundin Emine. Liebe, Freunde, Perspektiven – die Zukunft steht ihm offen.

Doch ein Bekannter führt Anil O. in die salafistische Szene ein. Dieses "Wirgefühl" habe ihn beeindruckt, erzählt er später den Ermittlern des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamts. Nach Schulschluss steht er jetzt oft in der Fußgängerzone und verteilt Ausgaben des Koran. Er engagiert sich im "Lies-Projekt" des radikal-salafistischen Predigers Ibrahim Abou-Nagie, dessen Gruppierung "Die wahre Religion" inzwischen verboten wurde. Anil O. steigt in der Hierarchie der Gruppe schnell auf, seine Freunde nennen ihn ehrfürchtig Amir, "Befehlshaber". "Ich habe auch Konversionen zum Islam vorgenommen", sagt er in einer Vernehmung. Das Protokoll liegt der ZEIT vor.

Anil macht das beste Abitur in ganz Gelsenkirchen, Durchschnittsnote 1,0. Er zieht mit seiner Frau und dem inzwischen geborenen Sohn nach Aachen, dort schreibt er sich für Medizin ein. Zugleich hat er jetzt Zugang in die klandestinen Kreise der deutschen Islamistenszene. Zu Männern, die Verbindungen in den innersten Zirkel des "Islamischen Staats" haben.

Etwa zu Hassan C., einem 50-jährigen Deutschtürken aus Duisburg, der in einem Hinterzimmer seines Reisebüros Jugendliche radikalisiert und auf die Ausreise in den "Islamischen Staat" einschwört.

Oder zu Boban S., den sie in der Szene den Serben nennen. Ein studierter Chemie-Ingenieur Mitte 30, der in Dortmund eine "Koranschule" betreibt, die nicht weniger ist als ein Vorbereitungscamp für potenzielle Terroristen.

Und schließlich zu Ahmad Abdulaziz Abdullah A. alias Abu Walaa, Anfang 30, aus Hildesheim; Anil O. nennt ihn den "obersten Repräsentanten des IS in Deutschland". "Es gibt in Deutschland keine offizielle Handlung des IS, von der Abu Walaa keine Kenntnis (...) hat", sagt er den Ermittlern. "Sein Wort war Gesetz." Den Sicherheitsbehörden gilt Abu Walaa als Kopf eines Netzwerks, das Ausreisewillige in den IS schleust. Ermittlungsverfahren gegen Abu Walaa, Hassan C. und Boban S. liefen schon lange, aber konkrete Beweise fehlten. Bis Anil O. auspackte.