Der Vater hatte die Bundeskanzlerin ungewöhnlich lange vor dem Tor seines Amtssitzes warten lassen, dann hatte er ihr nicht einmal die Hand geschüttelt. Nun saß Angela Merkel im Cabinet Room des Weißen Hauses neben der zuvorkommenden Tochter des Mannes und betrachtete sie still von der Seite. Das Bild ging um die Welt, denn Merkels Augen schienen die Frage zu stellen, die nicht nur Washington momentan umtreibt: Kann Ivanka Trump ihren Vater zähmen? Ist sie eine Stimme der Vernunft? Dass man gemeinsam im Weißen Haus saß und der Vater sich die Vorzüge der deutschen Lehrlingsausbildung erklären ließ, war vor allem auf die gute Zusammenarbeit zwischen dem Kanzleramt in Berlin und dem Büro Ivanka Trump zurückzuführen.

Die Tochter soll verhindert haben, dass der Vater aus dem Pariser Klimaschutzabkommen aussteigt, und es heißt, sie habe den Vater zum Raketenangriff auf das Assad-Regime angehalten, nachdem sie die Kinder, die durch den Giftgasanschlag gestorben waren, im Fernsehen gesehen hatte. Aber welche Rolle spielt die Tochter des Präsidenten tatsächlich im Weißen Haus? Dass der Vater die bisherigen Richtlinien zum Umweltschutz zurückgenommen hat, konnte sie nicht verhindern. Und der Angriff auf Syrien hat ihm nach mehreren politischen Niederlagen vor allem parteiübergreifende Anerkennung eingebracht. Ist Ivanka also doch weniger die Korrektur als die Komplizin ihres Vaters, die seiner Präsidentschaft ein hübsches Gesicht verleiht?

Angela Merkel hat sich für die Hoffnung entschieden. Sie hat die Tochter eingeladen. Am 24. April wird Ivanka Trump zu einem Kongress nach Berlin reisen, der sich mit der Förderung von Frauen in der Wirtschaft beschäftigt. Es ist ein Thema, das ihr nach eigenen Aussagen sehr am Herzen liegt. Wer der Antwort auf die Frage, welche Rolle Ivanka Trump im Weißen Haus wirklich spielt, näher kommen will, muss zuerst eine andere Frage beantworten: Wie ernst ist es ihr mit Themen, die ihren Vater bislang wenig interessiert haben? Wie ernst meint sie es zum Beispiel mit der Gleichberechtigung von Frauen?

USA - Die zwei Rollen der Ivanka Trump Bislang halten sich die Trumps bedeckt, wie sie ihre geschäftlichen von ihren politischen Interessen trennen wollen. Auch Ivanka Trump gerät dabei in den Fokus der Kritiker. © Foto: Getty Images

Hört man sich in New York um, der Stadt, in der Ivanka Trump fast ihr ganzes 35-jähriges Leben verbracht hat, dann vernimmt man viel Zustimmung.

"Das Frauenthema liegt ihr sehr am Herzen", sagt die Moderatorin Mika Brzezinski in einer Werbepause ihrer populären TV-Sendung Morning Joe. Die MSNBC-Journalistin ist Demokratin und seit Langem mit Ivanka Trump befreundet.

"Statt sich wie viele Kinder reicher Eltern auf Partys rumzutreiben, hat sie Karriere gemacht", sagt eine Diplomatengattin, die Ivanka Trump auf dem Washingtoner Parkett kennengelernt hat.

"Ivanka ist eine progressive New Yorkerin", sagt ein demokratischer Anwalt auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung. Er vertritt viele von Trumps Freunden.

Als Ivanka Trump im vergangenen Jahr auf dem Parteitag der Republikaner in Cleveland zum Beatles-Song Here Comes the Sun vor das Publikum trat, enttäuschte sie die Erwartungen ihrer liberalen New Yorker Bekannten nicht. Sie versprach, dass ihr Vater die staatliche Unterstützung für arbeitende Mütter revolutionieren werde. Ihr Vater konnte diesen Auftritt gut gebrauchen, denn er lief Gefahr, durch seine abfälligen Äußerungen Frauen gegenüber in der Wählergunst abzusacken. Außergewöhnlich war noch etwas anderes. Ivanka trug auf der Bühne ein roséfarbenes Kleid ihrer eigenen Kollektion. Am nächsten Tag twitterte sie: "Kauft Ivankas Look von ihrer #RNC-Rede." Darunter ein Link, um das Kleid im Internet zu bestellen. Das 138-Dollar-Stück war in Windeseile ausverkauft.

Ist das Frauenförderung? Oder Business? Oder beides? Ivanka Trump ist eine Marketingexpertin, und das Thema Frauen und Karriere verkauft sich bestens. Ihre persönliche Marke "Ivanka Trump" hat sie in den vergangenen Jahren ganz um den feministischen Slogan "Frauen, die arbeiten" herum aufgebaut. Dazu hat sie eine Website ins Leben gerufen, auf der man neben ihrer Mode (für die sie wie ihr Vater nur die Lizenz verkauft) auch Tipps findet, wie man ein besseres Gehalt verhandelt, für das Kochen mit Kindern und wie man mit Konflikten am Arbeitsplatz umgeht. Dazu twittert sie häufig Bilder von ihren drei kleinen Kindern, ihrem Mann Jared Kushner und sich selbst. Die Umsätze der Marke Ivanka Trump sind um 61 Prozent gestiegen, seit die Namensträgerin First Daughter ist.