Dieser Ort ist eine Mischung aus populärem Sehnsuchtsraum und Rummelplatz des Kinos. Die Piazza Grande von Locarno bietet Raum für jeden Filmgeschmack. Für den Festivalprofi, für den Wander- und Seetouristen und für die ältere Tessinerin mit der selbst gehäkelten Stola. Angesichts der Kulisse der Tessiner Berge und vor der größten Open-Air-Leinwand der Welt wird hier – gerne mit einem Gläschen lauwarmem Prosecco in der Hand – das Gemeinschaftserlebnis Kino zelebriert. Es setzt sich fort als Expedition in die Filmgeschichte, wenn man am Ende der Piazza – mit der Leinwand im Rücken – in eine steil nach oben führende Gasse abbiegt. Schon ist man Teil einer geduldig wartenden Schlange. Das Kino Rex ist der Schauplatz der legendären, liebevoll kuratierten Retrospektiven des Festivals von Locarno. Nach seiner Renovierung vor wenigen Jahren wurde es in Ex Rex umgetauft, sein abgetakelter Charme blieb angenehmerweise erhalten. Abgeschabte, an manchen Stellen notdürftig mit Paketband zusammengeklebte weiße Kinostühle – man sieht ihnen an, wie viele Filmdramen darauf abgesessen wurden.

In diesem Jahr sollte man sich in dem zum 70. Festivalgeburtstag erneut renovierten Kino unbedingt einen Sitz reservieren. Es gilt, einen der bekannten Unbekannten der Filmgeschichte zu entdecken. Titel wie Katzenmenschen (1942) oder Ich folgte einem Zombie (1943) mögen nicht zum Kanon der Filmgeschichte gehören, doch Jacques Tourneurs eigenartig fiebrige Filme, in denen der Horror nie Gestalt annimmt, haben das Genre-Kino in eine andere, buchstäblich nicht zu fassende Dimension überführt. Tourneur (1904 – 1977) war ein Regisseur, der sich stets als Handwerker verstand. Einer, der die Geheimnisse des Lichts kannte, fauchende Katzen liebte und Menschen zu Phantomen machte. Mit den präzise inszenierten Schattenspielen seiner B-Movies feierte er zu Beginn der vierziger Jahre Überraschungserfolge und wurde zum gefragten Mann. "Hast du ein schlechtes Drehbuch, dann gib es diesem Tourneur, der wird schon damit fertig. Das war mein Ruf", sagte der gebürtige Franzose in einem seiner wenigen Interviews seinem Kollegen Bertrand Tavernier.

1913 kommt Tourneur mit seinem Vater, dem Maler, Designer und Filmregisseur Maurice Tourneur, in die USA. Als 15-Jähriger erledigt er Jobs für das Studio MGM. 1928 folgt er seinem Vater zurück nach Frankreich, arbeitet als dessen Regieassistent und Cutter. 1935 kehrt er in die USA zurück – und hat bereits drei Filme in eigener Regie realisiert. Zunächst dreht er für die MGM Detektivfilme, mit einer Art Vorläufer von James Bond als Ermittler und bereits mit jenem ausgeprägten Sinn für Drive und Dynamik, die den Blick des Zuschauers geradezu in Schach halten. In den makellosen Hochglanzwelten, für die das MGM-Studio steht, ist jedoch kein Platz für Tourneurs abgründige Helden, deren Gesichter dem Betrachter stets ein wenig fremd und verschlossen bleiben, weil ihr Regisseur so gerne Schatten auf sie legt. Wie ein Fremdkörper in der Studiomechanik wirkt auch sein Konzept einer Action, die ihre verstörende Kraft über Andeutungen und Auslassungen entwickelt. In Phantom Raiders wirft ein Gangster ein Messer nach einem Polizeibeamten. Man hört nur das Geräusch eines Körpers, der schwer zu Boden fällt.

Tourneur wechselt zum kleineren Studio RKO. Seine Aufgabe: in wenigen Drehtagen guten Horror in einer Länge unter 70 Minuten abzuliefern. Schnell wird er sich als Allrounder erweisen, dessen effiziente Arbeitsmethoden auch im Western, Film Noir, im Piraten- und Abenteuerfilm funktionieren.

Ein irrlichterndes Werk

Wenn Locarno in diesem Jahr Jacques Tourneur seine Retrospektive widmet, tritt das Festival erneut in den Dialog mit einem Kino, das als Gebrauchs- und Unterhaltungsware gedacht war, bei näherer Betrachtung aber hoch individuelle Handschriften, Visionen und Stile erkennen lässt. Obwohl sie Angestellte von Studios waren, die Mechanismen des Genrekinos zu "bedienen" wussten und sich allesamt als Kinoarbeiter verstanden, werden Regisseure wie George Cukor, Otto Preminger oder auch Sam Peckinpah (alle drei wurden in den vergangenen Jahren in Locarno gezeigt) längst als Filmautoren verehrt. Dass Tourneur mit diesen Kollegen nicht in einen Atemzug genannt wird, mag daran liegen, dass sich seine Filmografie einer endgültigen Einordnung entzieht. Es gibt keine persönliche Weltsicht, keine wiederkehrenden Themen, keine Obsessionen. Vielmehr begegnet man einem irritierenden, irrlichternden Werk, das sich dieser Welt entzieht, sich aber für andere Wirklichkeiten öffnet.

Jacques Tourneur mochte den Begriff Horrorfilm eigentlich nicht, vielmehr wollte er Filme über das Übernatürliche drehen. In Der Fluch des Dämonen (1957) fragt sich eine junge Lehrerin, warum man Kindern die Angst vor der Dunkelheit nehmen müsse – vielleicht sei sie doch berechtigt? Es ist diese Dunkelheit mit ihren Geheimnissen und fantastischen Abgründen, die Tourneur in all ihren Nuancen und Farbabstufungen inszeniert. Der Voodookult, der in Ich folgte einem Zombie zur Nemesis einer Kolonialistenfamilie wird, der Fluch, von dem sich die aus Serbien stammende Heldin in Katzenmenschen verfolgt fühlt, all diese mystischen Konstruktionen sind für Tourneur letztlich Vorwände für seine genialischen Spiele mit Licht und Schatten, in denen man manchmal in der dunkelsten Dunkelheit klarer sieht als im grellsten Licht. Man könnte von einem abstrakten Horror sprechen. Tatsächlich nimmt das Grauen bei Tourneur nie Gestalt an: Nur das, was wir sehen wollen, scheint zu existieren. Wird Alice in Katzenmenschen tatsächlich von einem raubtierhaften Wesen gejagt? Wenn sie nachts mit Stöckelschritten entlang einer dunklen Straße nach Hause geht, meint man, einen gefährlichen Umriss wahrzunehmen. Dabei hat Tourneur einfach nur – wie er im Interview mit Tavernier erklärt – mit seinen Händen einen Schatten auf die Wand geworfen.

Nicht anders ergeht es Robert Mitchum in dem Film Noir Goldenes Gift (1947). Mitchum spielt einen früheren Privatdetektiv, der ein zweites Leben als Tankwart begonnen hat, ein Schattenwesen, das von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Er lässt sich buchstäblich von Katie, der Femme fatale des Films, blenden, als sie aus dem Tageslicht in die Bar kommt und er im Zwielicht allmählich ihrer Schönheit gewahr wird. Doch ist das Zwielicht nur die Vorstufe zur Dunkelheit. Selten hat ein Regisseur so poetisch den Anfang vom Ende in Szene gesetzt, selten hat man einen Leinwandhelden so souverän wie Robert Mitchum in den Abgrund gehen sehen.

Retrospektive Jacques Tourneur auf dem 70. Filmfestival von Locarno (2. bis 12. August).