Seit fast zwei Stunden harren 300 Leute am Ufer der Seine aus, viele Alte sind unter ihnen, pausenlos redet jemand in ein schlecht funktionierendes Mikrofon, niemand aber verliert die Geduld. Erwartet wird die Ankunft des "unbeugsamen Hausboots". Des was?

"Unbeugsames Frankreich" hat der Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon seine Bewegung genannt, und am Montag dieser Woche tourte er auf der Seine und ihren Kanälen durch Paris, auf dem "unbeugsamen Hausboot". Futter fürs Fernsehen, das auch mal etwas anderes zeigen möchte als exaltierte Arenen oder von der Politik frustrierte Passanten. Der 65-jährige Mélenchon ist ein Profi. Ein Meister des Unerwarteten.

Ein scharfer Wind trägt Geräuschfetzen vom anderen Ufer des Flusses herüber: Im Stadion von Bercy jubeln Zehntausende ihrem Kandidaten Emmanuel Macron zu. Dessen Aufstieg war die Überraschung der vergangenen Monate. Mélenchons Aufstieg ist die Überraschung der letzten Tage vor dem ersten Wahlgang am kommenden Sonntag.

Frankreich - Wahlkampf mit Hologramm Der Links-außen-Kandidat Jean-Luc Mélenchon setzt im französischen Wahlkampf auf modernste Technik. Der 65-Jährige tritt als Hologramm gleichzeitig an verschiedenen Orten auf. © Foto: AP Photo/Laurent Cipriani/dpa

Auf der Wahl lasten viele Ungewissheiten. Das Volk ist ratlos, niemand weiß, welche Kandidaten es in die Stichwahl schaffen werden: Marine Le Pen, der Konservative François Fillon, Emmanuel Macron? Oder etwa der Kapitän des unbeugsamen Hausboots, der einstige Trotzkist, Schreckgespenst aller Bürgerlichen und – Umfragen zufolge – auf einmal der populärste Politiker im Land?

Er ist vor allem der feinfühligste. Mélenchon ist ein Mann des Gefühls. Seit ihn 1968 die linke Schülerbewegung mitriss, verwandelt er Liebe und Zorn in Politik: Liebe zu den Unteren, Zorn auf die Oberen. 30 Jahre lang war er linker Flügelmann in der Sozialistischen Partei, bis er 2008 im Beisein Oskar Lafontaines seine Linkspartei gründete – auf einer sektenhaften Veranstaltung ganz in Rot, die so gar nichts Zukünftiges hatte.

Das Rot ist jetzt weg. Mélenchon posiert auf blauen Plakaten, ähnlich denen Marine Le Pens. Und anstelle der geballten Faust zeigt der Kandidat etwas anderes: Am Palmsonntag wedelte er während einer Rede in Marseille mit einem Ölzweig, dem Friedenssymbol. Kleine Geste in Richtung der katholischen Wählerschaft. Am Schluss wurde nicht, wie früher, die Internationale gesungen, sondern die Marseillaise.

Begegnungen mit Journalisten nahm er früher gern zum Anlass, sein Gegenüber anzupöbeln. Heute sitzt der Kandidat lächelnd im Fernsehstudio, sein Sprachwitz ist entwaffnend. Nur ist das Gift verschwunden. "Sind Sie ein anderer geworden?", wurde er im Fernsehen gefragt. "Die Zeit verrinnt für jeden von uns", entgegnete er versonnen.

Emotion ist seine wirkungsvollste Waffe. So politisch die Franzosen sind, so unpolitisch verhalten sie sich, wenn es um die Wahl desjenigen geht, der die Nation verkörpern soll. Sie sehnen sich nach Zuwendung, Wärme und nach einem Pathos, das echt klingt, ihnen den Stolz zurückgibt – just das ist Mélenchons Fach.

Seine Rhetorik blendet. Mélenchons außenpolitische Positionen überschneiden sich mit denen Marine Le Pens (Nato-Austritt, Verständnis für Putins Außenpolitik), und nur graduell sind die Unterschiede in der Wirtschaftspolitik: Einfuhrzölle, Neuverhandlung der EU-Verträge – sonst eben Frexit. Diese Drohung will er Angela Merkel auf den Tisch knallen; er mag die Deutschen eh nicht. In seinem Buch über Deutschland beschreibt er den Nachbarn als unkultivierten Ausbeuter und Zuchtmeister Europas ("Die Deutschen kriegen keine Kinder. Wer hätte auch schon Lust, Deutscher zu sein?").

Nein, Mélenchon mag unterhaltsam sein, doch mit ihm würde es nicht lustig werden. Schon der Gedanke an eine Stichwahl zwischen ihm und Le Pen ist ein Albtraum.

Genug spekuliert, jetzt trifft das Hausboot ein. Der Unbeugsame ist leider nicht an Bord. Er muss zu einer Veranstaltung. Mélenchon kann halt nicht überall sein. Obgleich – manchmal schon: Am Dienstagabend trat er auf mehreren Großveranstaltungen gleichzeitig auf, als Hologramm. Auch das macht ihm niemand nach.

Frankreich-Wahl - Von "Frexit" bis Grundeinkommen Durch zahlreiche Skandale treten Inhalte im französischen Wahlkampf in den Hintergrund. Ein Überblick, wofür die fünf aussichtsreichsten Kandidaten eintreten. © Foto: Jeff J Mitchell/Getty Images