Die Waffenlobby hat wieder gesiegt. Das von der EU-Kommission nach den Pariser Anschlägen im November 2015 geforderte Verbot von halb automatischen Sturmgewehren für private Waffenbesitzer ist gekippt worden. Ebenso obligatorische medizinische Untersuchungen für Schützen und die Befristung der Waffenerlaubnis auf fünf Jahre. Auch dürfen Sportschützen weiterhin mit 30-Schuss-Magazinen schießen, wie sie die Amokläufer in Erfurt (2002) und auf Utøya (2011) benutzt haben. Das EU-Parlament in Straßburg hat gerade wie erwartet die entschärfte Waffenrechtsverschärfung bestätigt.

Volltreffer! So jubeln Europas Waffenfanatiker und ihre Protektoren nach 16 Monaten propagandistischen Dauerfeuers. Einer von ihnen ist Joachim Herrmann, der bayerische Staatsminister des Innern und der "bayerische Schützen-Minister", wie er sich selber nennt. Der CSU-Politiker, Mitglied der Königlich Privilegierten Hauptschützengesellschaft Erlangen und Oberstleutnant der Reserve, kämpft als Schieß-Minister seit Jahren erfolgreich an der Propagandafront. Nach dem Massaker eines Sportschützen in einer Winnender Schule im März 2009 hatte Herrmann erklärt: "Wir haben ein gutes Waffenrecht, das mit zu den schärfsten in Europa gehört." Der Missbrauch legaler Waffen sei "extrem selten". Joachim Herrmann betonte: "Wir wollen eine wirksame Kontrolle der Waffenbesitzer, aber kein Gesetz, das unsere Schützen und Jäger unter Generalverdacht stellt." Diese "pauschale Kriminalisierung" lehne er strikt ab. Mit genau diesen Worten ziehen Sportschützen-Lobbyisten stets gegen Verschärfungen des deutschen Waffengesetzes zu Felde.

Er habe "Grundsympathie gegenüber den Jägern und Schützen", sagt der Sachverständige Herrmann im Juni 2009 im Deutschen Bundestag. Er halte es "für grundverkehrt, eine Debatte über generelle Verschärfungen des Waffenrechts zu führen". Im Juli 2009 lobt Herrmann eine Pseudoverschärfung des deutschen Waffengesetzes; es seien die nötigen Konsequenzen aus dem Amoklauf von Winnenden gezogen worden. Eine Reihe weiter gehender Vorschläge im Gesetzgebungsverfahren habe Bayern verhindert, sagt Herrmann im Interview mit der Bayerischen Schützenzeitung: "Ich denke hier etwa an die Forderung, großkalibrige Waffen für den Schießsport generell zu verbieten." Seit dem Winnender Amoklauf sind mehr als siebzig Menschen mit Waffen von volljährigen Sportschützen getötet worden, ein Großteil mit Großkaliberwaffen, fast immer aus dem Besitz der Täter.

Nach dem Amoklauf an der Grundschule Sandy Hook in Newtown im Dezember 2012 beschwichtigt Minister Herrmann: "Was Obama jetzt in den USA verbieten lassen möchte, ist bei uns schon lange verboten." Die Wahrheit ist, dass auch das halb automatische Sturmgewehr vom Typ AR-15, wie es der Täter in Newtown benutzt hat, von deutschen Sportschützen legal verwendet wird.

"Finger weg von unserem Waffenrecht!", donnert Schütze Herrmann im November 2013 in Richtung Brüssel: "Die EU darf das in ihrem Harmonisierungseifer weder aufweichen noch verschärfen." Im Innenausschuss des Bundesrates kann Minister Herrmann seinen Antrag gegen den Harmonisierungseifer durchsetzen: Der Bundesrat verneint eine Regelungskompetenz der EU. "Damit dürften die Absichten der EU-Kommission zunächst einmal ausgebremst sein", applaudiert der Deutsche Schützenbund.

Juli 2015: In der fränkischen Gemeinde Leutershausen erschießt ein psychisch kranker Sportschütze, der sich schon länger aus seinem Verein zurückgezogen hat, im Drogenrausch mit einer Großkaliberwaffe zwei Menschen. Die Opfer seien, so Herrmann, "im wahrsten Sinne des Wortes aus heiterem Himmel von dieser hässlichen, unbegreiflichen Tat getroffen" worden. "Ich kann nur noch mal meine Betroffenheit bekunden, mein Mitgefühl für die Angehörigen der Opfer."

Am Neujahrsmorgen 2016 stirbt die elfjährige Janina M. infolge eines Kopfschusses: Ein Sportschütze, der wegen psychischer Probleme in Behandlung war, hat im fränkischen Oberaurach auf sie geschossen, weil er sich über die Böller vor seinem Haus ärgerte. Der Täter hatte schon 15 Jahre lang nicht mehr im Schützenverein trainiert, seine Waffenerlaubnis konnte er behalten. Ein paar Tage vergehen, da bekräftigt Minister Herrmann beim Neujahrsempfang des Bayerischen Sportschützenbundes 2016 in einer Münchner Gaststätte gänzlich ungerührt: "Es gibt in der Tat nicht den geringsten Grund, den Schießsport in unserem Land in irgendeiner Weise infrage zu stellen." Verschärfungen des EU-Waffenrechts lehnt er erneut ab.

Auf dem Mittelfränkischen Schützentag im März 2016 appelliert Joachim Herrmann: "Wir müssen alles daransetzen, dass die neuen Vorschriften nicht in der EU umgesetzt werden." Der Innenminister fordert die Mitglieder des Schützengaus auf, sich an ihre EU-Abgeordneten mit dem Appell zu wenden, die neue Richtlinie nicht zu unterstützen.

Im Oktober 2016 erschießt im fränkischen Georgensgmünd ein Sportschütze, der als erklärter "Reichsbürger" seine Waffen abgeben sollte, einen 32-jährigen Polizisten. Bayerns Innenminister Herrmann ist "über diesen Fall natürlich überaus entsetzt". Es sei ihm ein Herzensanliegen, die Risiken für das Leben und die Gesundheit der Polizisten so weit wie möglich zu minimieren, versichert der fürsorgliche Dienstherr. Als Innenminister ist Herr Herrmann ein Sicherheitsrisiko. Er sollte sich in die offizielle Lobbyisten-Liste des Deutschen Bundestages eintragen.