In den Skizzenbüchern mancher Maler kann man das Wesen ihrer Bilder erkennen: dass ein Strich reicht, um die wichtigsten Formen zu umreißen, wie eine Handbewegung die zentrale Dynamik eines Motivs einübt. Der Rest des späteren, "fertigen" Bildes, Farbe, Perspektive, Details, scheint beim Blick auf die Skizze beinahe eine überflüssige Beschwernis zu sein.

Eine Art Skizzenbuch ist auch der Debütroman der 1988 geborenen Juliana Kálnay, Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens. Er besteht aus kurzen Prosastücken, die wie Stilübungen in der Beschränkung auf das Entscheidende wirken. Eine inmitten der jämmerlichen Geschwätzigkeit der Welt außerordentlich vielversprechende Technik. Man erlebt mit diesem Buch, wie wenige Worte schon eine Geschichte ergeben: "Damals stand das Haus fast leer. Später zogen weitere Bewohner ein, und es wurden sehr viele. Fast dreimal so viele wie in den letzten Jahren wohnten früher hier. Mit der Zeit wurden es dann wieder weniger. Einfach so." Bitte, so zeichnet man in ein paar Zügen ein Mietshaus und einige Jahrzehnte.

Wir erfahren, dass das Haus die Nummer 29 hat, und sehen die eigentümlichsten Bewohner kommen und gehen. Nur Rita bleibt, die so sehr mit dem Haus verwachsen scheint, dass es ihren Tod nicht lange übersteht: "Es gibt Menschen, die sind ihr Haus, und es gibt Menschen, die wohnen nur darin." In Kálnays konzentrierter Sprache bestehen die stabilsten Charakteristika der Figuren darin, wo und wie sie im Haus leben: dritter Stock links oder zweiter Stock rechts, in engen, abgedunkelten Räumen oder chronisch schlaflos.

Dieses Muster erinnert, wie die Anmerkungen am Ende des Buches auch nahelegen, an Georges Perecs Roman La Vie mode d’emploi (1978), der ebenfalls in einem Wohnhaus spielt. Allerdings ermittelte Perec die Abfolge der Räume und die Worte, mit denen er sie beschrieb, nach einem mathematischen Prinzip, unterwarf also seine sprachlichen Mittel streng formalen Zwängen. Kálnay dagegen spekuliert einfach auf die unbestimmten Leerstellen ihrer lakonischen Erzählung, um darin das Vorstellungsvermögen frei schweben zu lassen: Grenzen zerfließen, Wände werden löchrig, Räume versteinern, ein Mann verwächst sich zu einem Baum, ein Junge verschmilzt mit einem Zimmer, eine lange vermisste Maia wird in allen Erdlöchern gesucht, und man erfährt nie, ob sie Kind oder Maulwurf war. Und die Erzählstimme und Ich-Instanz gehört alle paar Seiten einer anderen Person.

Auf einer formalen Ebene überzeugt diese surreale Plastizität der Dinge vollkommen, die sich allein der semantischen Offenheit einer sehr einfachen Sprache verdankt. Juliana Kálnay übt sich hier in einem sehr besonderen Stil. Inhaltlich hat die in sich versponnene Erzählung allerdings auch etwas Erstickendes, und auch das liegt am radikalen Fehlen alles Kontingenten. Das könnte heißen: eine besondere Stadt, in der wir das Haus vermuten dürften, oder historische Umstände oder irgendeine Störung all der Zauberhaftigkeit – nur ein bisschen von der aufdringlichen Zufälligkeit des Realen.

Stattdessen ist nämlich alles trauliches Gewese eigentümlicher Wesenheiten in diesem Haus: Der Menschbaum trägt Früchte, daraus macht man Marmelade. Im Schrank ist es dunkel, da versteckt man den kleinen Bruder. Der Geruch von Verbranntem zieht, das Ende ankündend, durchs Treppenhaus. Und Kinder, die dem Nichtmenschlichen zu ähnlich werden, verschwinden.

So viel die sprachliche Gelenkigkeit verspricht, die in diesem Debüt zu bewundern ist, so sehr käme es doch darauf an, ob Kálnays Stil es in Zukunft auch mit Konflikten, mit Dialektik gar, mit irgendeinem seine Reinheit bedrohenden Ereignis wird aufnehmen können. Oder ob er sich in den Erdkrumen der Bedeutsamkeit einbuddelt, wie jene Maia, die am Ende wohl einfach ein Maulwurf gewesen sein wird.

Juliana Kálnay: Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens. Wagenbach Verlag, Berlin 2017; 192 S., 20,– €, als E-Book 17,99 €