Von einer "Kubakrise im Zeitlupentempo" redet ein Washingtoner Thinktanker. Der chinesische Außenminister erblickt einen "Sturm, der jeden Moment ausbrechen" könnte. Der TV-Sender NBC weiß es genau. Washington stehe "bereit, einen vorbeugenden Schlag mit konventionellen Waffen gegen Nordkorea auszuführen, um einem Atomtest zuvorzukommen". Trump twittert: "Ich vertraue darauf, dass China Nordkorea zur Räson ruft. Wenn Peking das nicht kann, werden wir es tun."

Eine perfekte Drohkulisse. Doch zum Schluss brach nicht der Dritte Weltkrieg aus, sondern nur ein gänzlich ungeplantes Feuerwerk. Zum hundertsten Geburtstag von Kim Il Sung, dem Begründer der nordkoreanischen Diktatoren-Dynastie, gab es keinen neuen Atom-, sondern nur einen Raketentest. Das Geschoss explodierte Sekunden nach dem Start – sei’s wegen einer Fehlkonstruktion oder wegen Sabotage durch amerikanische Cyberkrieger. Jedenfalls ist die Zahl der bisherigen verpatzten Tests verdächtig hoch.

Entscheidend aber war, dass Pjöngjang es nicht gewagt hatte, Washingtons Entschlossenheit zu testen. Der Nachfahr des Kim Il Sung mag eine bizarre Figur sein, ein Hasardeur. Aber er ist rational genug, um die Kräfteverhältnisse richtig zu bemessen. Nordkorea ist in Ostasien komplett isoliert; selbst China zeigte sich in dieser Krise als lauer Patron. Derweil hatten die Amerikaner eine Flugzeugträgergruppe vorgeschoben und ihren Vizepräsidenten Pence nach Südkorea entsandt, um Risiko- und Verteidigungsbereitschaft zu demonstrieren. Ob Obama ebenso entschieden gehandelt hätte?

Nordkorea - Video simuliert Vernichtung der USA Bei der Geburtstagsfeier des Staatsgründers zeigt Nordkorea die Simulation eines Raketenangriffs mit Atomwaffen. Die USA explodieren im Video in einem Feuerball. © Foto: Screenshot/Reuters TV

Vor allem weiß Kim Jong Un, dass er in der gleichen Situation steckt wie Nikita Chruschtschow in der Kubakrise 1962: Die USA konnten die Sowjetunion atomar verwüsten, aber dieser fehlten damals noch die weitreichenden Trägerwaffen, um mit gleicher Münze heimzahlen zu können. Nordkorea kann die Anrainerstaaten bedrohen, aber nicht Amerika. Dazu braucht es a) Interkontinentalraketen und b) die dazu passenden kompakten Sprengköpfe.

Wie es weitergeht? Nordkorea wird seine Anstrengungen gewiss verdoppeln. Wird Amerika präventiv zuschlagen, bevor Pjöngjang das richtige Gerät in die Hand bekommt? Das haben die USA weder im sowjetischen noch im chinesischen Fall getan. Auch nicht gegenüber dem Iran. Wer auch nur ein "bisschen" Bombe kann, bleibt relativ sicher, lehrt die historische Erfahrung.

Inzwischen aber hat sich die Verteidigungstechnik revolutionär verbessert. Südkorea wird THAAD aufstellen, ein Abwehrsystem, das Raketen in der Anflugphase zerstören kann. Die Amerikaner werden das seegestützte Aegis-System vorschieben, das Raketen schon in der Startphase erwischen kann. Das doppelte Netz wird nicht nur Kim Jong Uns Abenteuerlust, sondern auch Panikreaktionen in der nächsten Krise dämpfen. Im Atomzeitalter ist Gelassenheit die beste Versicherung gegen Armageddon.

Wagen wir einen zweiten Vergleich mit der Kubakrise. Der große Krieg fand nicht statt, bereitete aber den Boden für Rüstungskontrolle und Entspannung. Vielleicht geschieht jetzt ein zweites Wunder: ein Neustart der Sechs-Mächte-Gespräche (USA, China, Japan, Russland, Süd- und Nordkorea), die 2008 ergebnislos abgebrochen und seitdem trotz zahlloser Versuche nicht wieder aufgenommen wurden.