Ergreifend. Immer wieder. Es ist das Staatsbegräbnis aller deutschen Staatsbegräbnisse, die pompefunerable Benchmark, seither unerreicht. Selbst die postume Passage des Franz Josef Strauß durchs Münchner Siegestor 1988 oder Helmut Schmidts große Alsterrundfahrt in Hamburg 2015 verblassen dagegen. An die Beerdigung John F. Kennedys 1963 wollte man anknüpfen, an Winston Churchills Abschiedsreise 1965 auf der Themse, wenn nicht gar an die pompösen Trauerumzüge der Kaiserzeit. Die Heimfahrt des ersten deutschen Nachkriegskanzlers Konrad Adenauer am 25. April 1967 auf dem Rhein von seiner Heimatstadt Köln nach Rhöndorf unterm Drachenfels, wo er die letzten Jahrzehnte gelebt hatte, gehört zu den unauslöschlichen Erinnerungsbildern der deutschen Geschichte, Nachgeborene seien auf YouTube verwiesen.

Da können wir miterleben, wie der Weihrauch den gewaltigen Raum des Kölner Doms vernebelt. Wie sich dann – Blick von außen – die Türen des Südportals öffnen und wie vorneweg, noch vor der Familie und den versammelten Staatsspitzen der (nichtsoffjetischen) Welt, eine Phalanx kirchlicher Würdenträger in allen heiligen Schwarz-, Weiß- und Purpurtönen der Kathedrale entquillt. Wie die Soldaten der Bundeswehr Adenauers Sarg an Deck des Schnellbootes tragen, auf den schlichten Katafalk stellen und die kleine Flotte langsam den Rhein hinauffährt, überall an den Ufern und auf den Brücken die trauerfreudige Menge. Zuletzt die Ankunft in Rhöndorf. Früher Abend, einsetzende Dämmerung, Liedertafel, lodernde Fackeln ...

Die Deutung der historischen Stunde gelang problemlos, die Leitartikel für den nächsten Tag schrieben sich von selbst und werden heute noch gern verwendet: Abschied von einer Ära. Ende der Nachkriegszeit. Vielleicht sogar noch ein allerletzter Abschiedsgruß an Weimar, denn in jenen demokratischen Aufbruchsjahren zwischen den Kriegen hatte ja der Zentrumsmann Konrad Adenauer als Kölner Bürgermeister seine politische Kunst erprobt. Längst war eine neue Epoche angebrochen, Raketen flogen Richtung Mond, und in Bonn saßen seit Kurzem die dem Altkanzler besonders verhassten Sozis mit am Kabinettstisch; Außenminister Willy Brandt ("alias Frahm") war ganz offensichtlich der kommende Mann.

Und doch lässt sich der 25. April 1967 auch ganz anders sehen. Gewiss, es war ein historischer Abschied. Ein Blick zurück, eine letzte dröhnende Evokation der Nachkriegsrestauration. Die Ära von Thron und Altar, wie sie hier, in ihrer katholischen Variante, noch einmal beschworen wurde, war lange schon Geschichte; der Rückzug der Kirchen aus der Gesellschaft hatte längst begonnen (obwohl noch niemand den Grad der Säkularisation ahnen konnte, der heute erreicht ist). Der Weihrauch und die blanken Stahlhelme der Soldaten, Fahnen und alte Nazis im Fackelschein – alles wie aus einer Satire von Heinrich Böll. Und dennoch.

Und dennoch war dieser Trauer- und Triumphzug des Konrad Adenauer zugleich eine fordernde politische Kundgebung, die erste große Demonstration des demofrohen Jahres 67. Deutschland, lautete die Botschaft, steht wieder an Frankreichs Seite, des Landes von 1789. Ist wieder römisch, Karolingerland, Zivilisation, und der bizarre "Germanen"-Spuk der Kaiser- und Nazizeit ein für alle Mal vorbei. Deutschland ist Rheinbund, jetzt aber aus eigener Macht, und wird es bleiben, wann immer Sachsen, Thüringen, Mecklen- und Brandenburg dereinst zur Bundesrepublik dazustoßen und ganz gleich, welche Stadt dann Hauptstadt sein wird, ob Bonn, Frankfurt, Berlin oder Leipzig. Die Republik gehört zum freien Europa, als Nation oder als Bundesland einer europäischen Konföderation.

Wahrscheinlich ist Adenauers letzte Rheinfahrt deshalb so fest im kollektiven Gedächtnis verankert. Sie erinnerte alle daran, dass dieses neue Deutschland von 1949 an ein uraltes anknüpft: an ein Land, das immer schon, lange vor den mörderischen Verirrungen in der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, tief im Westen lag.

Hinweis der Red., 24.4.2017: In der Originalversion des Artikels haben wir die Alsterrundfahrt von Helmut Schmidt versehentlich ins Jahr 2014 verlegt. Sie fand jedoch 2015 statt. Wir haben den Fehler korrigiert.