Die Tücken der Kriminalstatistik

Am 24. April wird Bundesinnenminister Thomas de Maizière die Polizeiliche Kriminalstatistik für 2016 vorstellen. ZEIT und ZEIT ONLINE wollten schon vorher wissen, in welchem Umfang Flüchtlinge und Asylbewerber vor allem an Gewalttaten beteiligt sind. Denn diese Straftaten gegen das Leben, gegen die körperliche Unversehrtheit und gegen die sexuelle Selbstbestimmung wecken besondere Ängste und stehen darum immer wieder im Zentrum der Berichterstattung.

ZEIT und ZEIT ONLINE haben sich alle einschlägigen Zahlenwerke der 16 Bundesländer für 2016 angeschaut und den für die Erhebungen zuständigen Landeskriminalämtern auf dem Weg über die vorgesetzten Innenministerien zusätzliche Fragen gestellt. 14 Bundesländer haben geantwortet, 13 davon schriftlich, einige sehr ausführlich. Nur die Ministerien im Saarland und in Brandenburg haben nicht rechtzeitig auf unsere Fragen reagiert.

Natürlich haben auch Kriminalstatistiken nur eine begrenzte Aussagekraft. Sie werden von den Bundesländern mit unterschiedlichen Methoden und unterschiedlicher Sorgfalt geführt. Außerdem erfassen sie nur jene Straftaten, die der Polizei bekannt geworden sind. Daneben bleibt ein großes Dunkelfeld an unentdeckten oder nicht angezeigten Delikten. Aufgeführt werden außerdem nur sogenannte "Tatverdächtige". Es bleibt also unklar, ob sich der Verdacht auch tatsächlich erhärtet hat und es zu einer Anklage und einer Verurteilung gekommen ist. Schließlich – und auch das ist wichtig – ist das Risiko eines Fremden, angezeigt zu werden, nach Untersuchungen des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen bis zu doppelt so hoch wie das Risiko eines deutschen Tatverdächtigen. Nicht nur deutsche Opfer und Zeugen wenden sich bei einem Zuwanderer eher an die Polizei, sondern auch die Angehörigen einer anderen Nationalität, Religion oder Ethnie.

Flüchtlinge

Registrierte Zuwanderer (Zugänge) und gestellte Asylanträge in Deutschland

Quelle: Easy-System des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge © ZEIT-Grafik

Für die exakte statistische Erfassung von Asylbewerbern und Flüchtlingen gibt es ein zusätzliches Problem. Die Kategorie "Zuwanderer" ist ungenau, denn darunter fallen Asylberechtigte und Schutzberechtigte, Asylbewerber, Kontingent- und Bürgerkriegsflüchtlinge sowie Nicht-EU-Ausländer mit einer Duldung oder mit illegalem Aufenthalt. Um diese Kategorie auf Flüchtlinge und Asylbewerber zu beschränken, rechnen darum manche Bundesländer die sogenannten "Illegalen" heraus. Andere wie Bremen und Brandenburg verzichten ganz auf die Nennung von Zuwanderern und erfassen nur die viel umfassendere Gruppe aller "nichtdeutschen Tatverdächtigen".

Dennoch sind die Polizeistatistiken die einzige einigermaßen verlässliche Grundlage, um das Kriminalitätsgeschehen in Deutschland zu erfassen. Diese Zahlenwerke, die Antworten der Bundesländer auf unsere Fragen und die uns ebenso vorliegenden "Kernaussagen" des Bundeskriminalamts zur Zuwanderungskriminalität 2016 bilden die Grundlage unserer sechs Trendmeldungen.

1. Die Gewaltkriminalität nimmt wieder zu. Und das liegt vor allem an den Taten von Zuwanderern

Zwischen 2007 und 2015 sank die allgemeine Gewaltkriminalität in Deutschland. Seit 2015 jedoch steigt sie in den meisten Bundesländern wieder. Das gilt vor allem für Körperverletzungsdelikte und mit Einschränkung auch für Raub und für die ebenfalls zur Gewaltkriminalität zählenden Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. 14 von 16 Bundesländern haben der ZEIT übereinstimmend gemeldet: Ohne die Straftaten von tatverdächtigen Zuwanderern wäre die Gewaltkriminalität 2016 entweder weiter gesunken oder zumindest nicht gestiegen.

Gewalttaten

Quelle: Kriminalstatistiken (PKS) des Bundeskriminalamts, für 2016 PKS der Bundesländer © ZEIT-Grafik

Einige Beispiele: 2016 stiegen Gewaltstraftaten in Bayern insgesamt um 9,8 Prozent, die hier von Zuwanderern begangenen Delikte sogar um 93 Prozent. Ein Fünftel aller in Bayern für Gewaltkriminalität registrierten Tatverdächtigen (20 Prozent) waren Zuwanderer. In Niedersachsen, das im vergangenen Jahr – bis auf die Gewaltkriminalität – sogar einen weiteren Rückgang aller registrierten Straftaten verzeichnete, stellten Zuwanderer 10,8 Prozent aller tatverdächtigen Gewalttäter, in Baden-Württemberg 18,5 Prozent – und in Nordrhein-Westfalen trotz eines Rückgangs im Vergleich zu 2015 immer noch 12,1 Prozent. In Thüringen verdreifachten sich 2016 sogar die durch Zuwanderer begangenen Gewaltdelikte. Ihr Anteil an allen tatverdächtigen Gewalttätern schnellte innerhalb eines Jahres von 5,1 auf 14,5 Prozent.

In Berlin stiegen 2016 die Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung um 60 auf insgesamt 2852 Fälle, die hier von Zuwanderern begangenen Delikte um 69 von 72 auf 141. In Rheinland-Pfalz nahmen Sexualdelikte um 108 auf insgesamt 2388 Fälle zu. Auf das Konto von tatverdächtigen Zuwanderern gingen 184 Fälle, also 7,7 Prozent aller Sexualdelikte. Ohne sie wäre dieser Straftatenbereich von 2015 auf 2016 statt um 4,7 Prozent "nur" um 0,05 Prozent gewachsen, die gesamte Gewaltkriminalität hätte ohne Zuwanderer sogar um 2,1 Prozent abgenommen.

Allgemein gilt: Zuwanderer waren 2016, selbst wenn man sämtliche ausländerrechtlichen Straftaten wie etwa den illegalen Aufenthalt herausrechnet, überdurchschnittlich an der gesamten registrierten Kriminalität beteiligt. Obwohl sie in der Regel nur zwischen 0,5 und 2,5 Prozent der Wohnbevölkerung in einem Bundesland ausmachen, stellten sie bis zu 10 Prozent aller tatverdächtigen Straftäter.

Balkanroute - So viele Flüchtlinge sitzen in Südeuropa fest Seit fast einem Jahr ist die Balkanroute für Flüchtlinge faktisch geschlossen. Entlang der Strecke leben noch immer Geflüchtete unter schwierigen Bedingungen.