Ledigenheim. Schon der Begriff irritiert. Ledig, wer sagt das heute noch? Und Heim, das klingt fast wie Gefängnis. Noch befremdlicher wird es, wenn Menschen wie Alk Arwed Friedrichsen sagen, dass dieses lange, dunkle Backsteinhaus, versteckt in der unscheinbaren Rehhoffstraße nahe dem Michel, einer der wegweisenden Orte Hamburgs ist.

Friedrichsen ist ein renommierter Architekt und Denkmalpfleger. Er hat schon die Alte Post und das Elbschlösschen restauriert. Das "Kleinod der damaligen Reformarchitektur", wie Friedrichsen das Ledigenheim nennt, ist eines seiner neuen Projekte. Eines, das zeigen soll, dass alle Menschen zu dieser Stadt und ihrer Gesellschaft gehören, nicht nur die mit guten Jobs und Geld.

Das Ledigenheim ist ein Ort der Zukunft.

Doch bis hierhin war es ein langer Kampf, und noch immer ist die große Vision von Gemeinschaft und Zugehörigkeit bedroht.

Ein Ledigenheim, das ist ein Wohnhaus ausschließlich für allein lebende Männer. Deutschlandweit gibt es nur noch ein weiteres in München. Der Bauverein zu Hamburg hat das Gebäude 1912 errichtet, in einer Zeit, die von Wohnungsnot geprägt war. Bis heute messen die möblierten Zimmer nur acht Quadratmeter. 112 Hafenarbeiter und Seeleute fanden dort einst zu einem sehr günstigen Preis eine feste Bleibe. Heute wohnen etwa 80 Mieter im Ledigenheim.

Einer von ihnen ist Werner Scobel. Scobel ist Rentner, kräftig, kernig, einer, der immer angepackt hat, seit er mit 14 Elektromonteur lernte. Ins Ledigenheim zog er 1967. Als er noch arbeitete, war er immer nur ein paar Wochen im Jahr in der Neustadt, den Rest auf Montage, auch im Nahen Osten, im Irak, in Syrien. Früher ging er auf den Kiez, zu den Konzerten im Star-Club. Heute geht er morgens um die Ecke, zu Gruner + Jahr, weil es dort die Mopo gratis gibt.

Die günstige Miete im Ledigenheim – sie liegt zwischen 150 und 250 Euro inklusive Strom, Wasser, Heizung – ist für Scobel wichtig. Aber nicht nur. "Man kennt viele aus dem Haus", sagt er, "muss aber nicht unbedingt was miteinander unternehmen." Auf jedem Gang gibt es eine gemeinsame Dusche, auch eine kleine Küche mit Herdplatte. Statt selbst zu kochen, geht Werner Scobel mittags lieber ins Block House am Jungfernstieg und bestellt sich, begleitet von einer Freundin, den Business-Lunch.

Das Ledigenheim soll vor allem eines nicht sein: Ein Ort der Abgehängten

Mit den Frauen ist das so eine Sache im Ledigenheim. Über Nacht dürfen sie nicht bleiben. Aber daran müsse man sich ja nicht halten, erzählt Scobel. Es hat schon Frauen gegeben, die auf den Zimmern ihrer Freunde gewohnt haben. Auf acht Quadratmetern seien Beziehungen allerdings nicht besonders langlebig.

Scobel erzählt, wer noch so in dem Haus lebt. Da ist der gebeugte Michael Gerdes, der gerade in den Gemeinschaftssaal hineinschaut und sich nun mit an den Tisch setzt. Bechterew-Erkrankung, sagt Gerdes. Früher hat er in Kernkraftwerken gearbeitet und gut verdient, in Krümmel, Stade, Isar 2, bis ihn zwei Schicksalsschläge aus dem bürgerlichen Leben beförderten. Er rutschte in die Obdachlosigkeit und wurde Alkoholiker. Erst als sein Herz bei dem vielen Schnaps nicht mehr mitmachte, hörte er mit dem Trinken auf, erledigte Ein-Euro-Jobs. Vor zehn Jahren bekam er ein Zimmer im Ledigenheim.