Wanderer, strandest du in Leverkusen, bist du wahrscheinlich gerade aus dem Zug gestiegen, und das ist ein bisschen blöd. Hättest du nämlich ein Auto, könntest du a) die Stadt gleich wieder verlassen oder b) bleiben und zu allen interessanten Punkten fahren. Leverkusen hat nämlich eine Schwäche: Es ist sehr zerstreut. Anders als andere Städte, deren Besiedlung sich wie Jahresringe um einen alten Kern gelegt hat, ist Leverkusen im 20. Jahrhundert aus ein paar versprengten Dörfern und einer sehr großen Chemiefabrik zusammengenäht worden. Eine Innenstadt gibt es darum nicht. Stattdessen gibt es drei. Mit drei verschiedenen Fußgängerzonen, die jeweils ein paar Kilometer auseinanderliegen.

Wahrscheinlich, Wanderer, bist du am Bahnhof "Leverkusen Mitte" ausgestiegen. Der Name ist gelogen. Tatsächlich stehst du nun in Wiesdorf, das zwar heute die meisten Leverkusener meinen, wenn sie "in die Stadt" wollen, aber auf einem Stadtplan findet sich das Ganze links unten. Leverkusens geografische Mitte bildet eher das Autobahnkreuz oder ein großer Wald. Bleiben wir also lieber hier. Siehst du vor dir den kürzlich dorthin gewürfelten Zweckbauklotz, auf dessen Dach ein Ufo gelandet ist? Das ist das Einkaufszentrum, in dem auch das Rathaus steckt. Da musst du jetzt durch. Danach wird es schöner, versprochen.

Dahinter nämlich beginnen die Werktätigensiedlungen, die "Kolonien", die vor mehr als hundert Jahren hier auf den Wiesen am Rhein gewachsen sind. Irgendwo mussten die Arbeiter ja leben, die im Bayer-Werk unter anderem Aspirin und Heroin (damals ein beliebter Hustensaft) hergestellt haben. Zwischen den Häusern, die halb Gründerzeitvillen, halb Fachwerkhäuser sind, läufst du zum Koloniemuseum. Da könntest du Industriegeschichte anschauen, wenn du dich vorher angemeldet hättest (was ein Gestrandeter ja eher nicht tut). Dem Museum gegenüber liegt das Erholungshaus, auch von Bayer hierhin gesetzt. Da konnten die Arbeiter sich, richtig: erholen. Zum Haus gehört ein Park, da läufst du anschließend durch und dann immer weiter, und bald bist du am Rhein. Links haben die Schlote des Bayer-Werks sich das Rauchen größtenteils abgewöhnt; rechts schaust du über eine ehemalige Mülldeponie, aus der ein Landesgartenschau-Gelände gemacht wurde. Vor dir liegt die Wacht am Rhein, da kannst du jetzt Kaffee trinken und Schiffe zählen.

Eine gute Zeit, um in Leverkusen zu stranden, ist entweder alle zwei Wochen samstags, dann ist Fußball, oder im Herbst, dann sind Jazztage. Wahrscheinlich ist gerade keines von beidem, aber das macht nichts. Wenn du vom Rhein zurückläufst, dann geh weiter südlich durch die Hauptstraße. Da liegt das Topos, eine Höhle von Kneipe, in der eigentlich das ganze Jahr über Jazztage sind. Setz dich auf die kurvigen Kunststoffbänke, die hier seit fast 50 Jahren aus der Wand wachsen, bestell dir ein Bier bei Wolfgang, dem Wirt, und schau nach dem Programm.

Falls du weder mit Jazz noch mit Fußball etwas anfangen kannst, dann ruf dir jetzt halt ein Taxi. Sag dem Fahrer, dass du zum Schloss Morsbroich willst. Wichtig: Das i in "broich" ist ein Dehnungs-i, das Schloss spricht sich "Moss-brooch". Das Rokoko-Schlösschen ist bekannt dafür, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg das erste Museum für moderne Kunst in Deutschland war. Außerdem wurde hier 1973 eine fettverkrustete Badewanne so gründlich sauber gemacht, dass das Werk Unbetitelt (Badewanne) von Joseph Beuys anschließend ruiniert war. Das Museum ist heute noch ein Schmuckkästchen voll zeitgenössischer Kunst, mit einem Skulpturenpark – und einem Restaurant, in dem es ein verteufelt gutes Schnitzel gibt.

Wenn es dir so weit gefallen hat, hier die gute Nachricht: Du hast noch nicht einmal ein Drittel von Leverkusen gesehen. Beim nächsten Mal gucken wir uns die beiden anderen Zentren an.