Jetzt, da den Franzosen ihre Schicksalswahl bevorsteht, fällt auf: Wo sind eigentlich die Stimmen, die feiern, dass zum ersten Mal in der Geschichte Frankreichs eine Frau regieren könnte? Niemand scheint darüber glücklich – während sonst jede Frau gefeiert wird, die es zur Flugkapitänin bringt, als hätte sie persönlich die Welt ein bisschen gerechter gemacht.

Vor der US-Wahl hatte Alice Schwarzer noch geschrieben, "die Mädchen dieser Welt" dürften sich auf eine Präsidentin Clinton freuen, denn bei Gipfeltreffen werde sich jetzt unter die "vielen, vielen grauen Anzüge" etwas "Bunt" mischen. Das feministische Magazin Edition F schrieb nach der Niederlage, für Mädchen sei es wichtig gewesen, zu sehen, wie Clinton "ihren ganz eigenen Traum erreichen wollte: eine sehr dicke gläserne Decke zu zersprengen".

Was sollen die Mädchen dieser Welt jetzt denken, da Marine Le Pen eine gläserne Decke zersprengen will – aber die Europäische Union gleich mit?

Dass Le Pen eine Frau ist, wird meist gar nicht erst erwähnt. Als reichten Worte nicht aus, die Ironie zu beschreiben: Die EU, wegen ihrer Liebe zum Konsens oft als ein wenig weibisch belächelt, wird von einer Frau zerstört. Erstaunlich bleibt es, dass in einer Gesellschaft der Gendersensibilitäten die Frage nicht behandelt wird, warum gerade eine Frau den Rechtsextremismus regierungsfähig gemacht hat.

Ist es unbedeutend, dass Marine Le Pen eine Frau ist? Ist es den Feministinnen peinlich? Ist es nur ein blöder Zufall? Oder verdankt Le Pen ihren Erfolg gerade der Tatsache, dass sie eine Frau ist? Und bereiten diese Fragen auf den nächsten wahrscheinlichen Fall vor – dass im Herbst der Rechtspopulismus, angeführt von einer Frau, Einzug auch in den Bundestag hält?

Der Front National war in Frankreich immer die Partei der Frauenfeinde. Nicht ausdrücklich, es gehörte einfach zusammen: Wer reaktionär dachte, sah auf das Weibliche herab, die Idee von der natürlichen Ungleichheit der Menschen findet ihren schönsten Ausdruck ja angeblich in der physischen Überlegenheit des Mannes über die Frau. Der alte Le Pen, 88, sagte gerade erst, Frauen hätten im Leben eine wichtigere Aufgabe als den sozialen Erfolg, nämlich das Leben zu schenken. Aber wie er das sagte, gefilmt für sein Blog, das niemand klickt, vor einem Regal mit verstaubten Figürchen sitzend, wirkte er wie ein Großvater, der zwar steile Ansichten vorträgt, dabei aber etwas leicht Trotteliges hat: Ach ja, Opa eben.

Marine Le Pen hat das alles geändert. Sie hat aus dem Front National eine Partei für Frauen gemacht.

Frankreich - Macron gegen Le Pen Die aussichtsreichsten Kandidaten im französischen Wahlkampf könnten kaum unterschiedlicher sein. Ein Überblick der Themen, mit denen Marine Le Pen und Emmanuel Macron Wahlkampf machen © Foto: Joel Saget / Getty Images, Lemaistre / Shutterstock

Dass Le Pen Aussichten auf den Sieg hat, verdankt sie vor allem den Wählerinnen

Nur an den Rändern der nationalistischen Bewegung ist die Sehnsucht nach alter Männlichkeit noch Thema. Das Buch Der Weg der Männer des Alt-Right-Aktivisten Jack Donovan, das im Wesentlichen von seinem Motorrad und seinem Penis handelt, wird zum Beispiel unter Pegidisten und Identitären gern gelesen. Aber dort, wo das Reaktionäre parteipolitisch ist, im Front National unter Marine Le Pen, herrscht ein anderer Geist. Sie hat ihren Vater mitsamt seinem törichten Frauenbild rausgeworfen – wodurch die Partei für viele Frauen zum ersten Mal überhaupt wählbar wurde. Außerdem befasst sich der Front National jetzt sogar mit feministischen Themen. Le Pen will gegen die Lohnungleichheit zwischen Frauen und Männern vorgehen, so steht es im Programm. Ausführlich behandelt sie das Thema nicht – es bekommt so viel Platz wie der Tierschutz und weniger als der Flugzeugträger, den sie bauen lassen will. Auch wird man das Wort Patriarchat aus ihrem Mund nicht hören. Le Pen steht für einen heute beliebten Feminismus des gesunden Menschenverstandes: Die bisherigen Erfolge der Frauenbewegung gehen in Ordnung, aber wer zu sehr auf dem Thema herumreitet, ist womöglich dem "Genderwahn" verfallen oder gehört zu den Frauen, die zu viel Zeit an der Uni verbracht haben.

Richtig interessant wurde der Front National für die Französinnen, als Le Pen ihrer Xenophobie eine sozialistische Färbung gab. Frauen stellen 80 Prozent der miserabel bezahlten ungelernten Servicekräfte in Frankreich. Die Politikwissenschaftlerin Nonna Mayer erklärt in einer empirischen Studie die gestiegene Zahl der FN-Anhängerinnen mit der schlechten Wirtschaftslage: Sie treibe die Frauen aus den Bürojobs in das Serviceprekariat. Le Pen versichert, ihre Not lindern zu können, indem sie die Migration stoppen und Franzosen Privilegien auf dem Arbeitsmarkt zugestehen werde.

Ein Viertel der Wähler will laut Umfragen am Sonntag für Le Pen stimmen. Dass ihr Sieg möglich ist, verdankt sie den Frauen. Der Anteil der FN-Wähler unter Frauen ist inzwischen so hoch ist wie der unter Männern. Der sogenannte radical right gender gap, die traditionelle Skepsis weiblicher Wähler gegenüber extremistischen Parteien, existiert nicht mehr. Frauen bilden keine Brandmauer mehr um männliche Radikalismen.