Markus Hinterhäuser, 58 Jahre alt, ist auch im Intendantenzimmer der Salzburger Festspiele nicht nur Intendant. Auf seinem Schreibtisch liegen die Noten von Olivier Messiaens Visions de l’Amen für zwei Klaviere, die wird er selbst zusammen mit Igor Levit spielen. Da gebe es für ihn noch viel zu üben, sagt er und lacht. Dann stellt er den Aschenbecher zwischen die Espressotassen auf dem Couchtisch. Wir wollen über die Salzburger Festspiele reden, deren Intendanz er für fünf Jahre übernommen hat, über das Programm mit zehn Opern und 79 Konzerten und fünf Theaterstücken in 41 Tagen. Und darüber, wie die berühmtesten Festspiele der Welt auf die Welt reagieren.

DIE ZEIT: Herr Hinterhäuser, Sie haben das Nachdenken über die Macht zum Thema der Salzburger Festspiele 2017 gemacht, zumindest hält dieses Motiv die Opern zusammen. Mozarts Titus, Verdis Aida, Reimanns Lear, von Schostakowitsch Lady Macbeth und von Berg Wozzeck, um nur die szenischen Neuproduktionen zu nennen neben weiteren konzertant oder halb szenisch aufgeführten Opern. Wie kamen Sie darauf?

Markus Hinterhäuser: Mir war von Anfang an klar, dass ich mit Mozarts La clemenza di Tito die Festspiele eröffnen möchte. Es geht da unter anderem um die Frage: Ist es politische Stärke oder Schwäche, den Gegner einzubeziehen in eine wesentliche Entscheidung?

ZEIT: Der römische Kaiser Tito begnadigt zwei geständige Verschwörer ...

Hinterhäuser: Was bedeutet das Phänomen des Vergebens? Wesentliche Fragen dieser Opera seria sind uns heute sehr nahe. Die Strategien, Zumutungen, Grausamkeiten der Macht waren im alten Rom nicht anders als heute. Nur unsere Perspektive auf diese Fragen hat sich geändert. Und ich wusste, ich will’s in der Felsenreitschule machen. Dort hab ich am anderen Ende auch den Lear von Aribert Reimann, der mit Shakespeare über das Einsamwerden und Irrewerden an der Macht nachdenkt. Dabei ist diese Konstellation in der Felsenreitschule auch wichtig. Die Unmittelbarkeit dort kann etwas Grausames haben, dieser Stein, dieser Felsen. Auch in den Gesprächen mit Peter Sellars, der Tito inszeniert, hat sich dieser Raum als ganz richtig herausgestellt.

ZEIT: Sellars wurde in den 1980ern berühmt mit seinen Mozart-Inszenierungen. Dagegen hat der Regisseur Simon Stone bis vor Kurzem nie eine Oper inszeniert.

Hinterhäuser: Auch wenn Aribert Reimann das vielleicht problematisch findet: Ich bin nicht sicher, ob Lear einen genuinen Opernregisseur braucht. Stone hat zweimal Ibsen bei den Wiener Festwochen inszeniert, mit einer unglaublichen Begabung der Schauspielerführung, und ich habe da seine Musikalität gespürt und ihm gesagt, hör dir doch mal den Reimann an. Das Stück hat ja unmittelbar mit einem der großen Dramen Shakespeares zu tun.

ZEIT: Noch weiter von den Profis der Opernregie entfernen Sie sich bei Aida, für die sie Shirin Neshat verpflichtet haben. Eine berühmte iranische Künstlerin, Fotografin, Filmemacherin, die sich mit der Rolle der Frauen in der muslimischen Welt auseinandersetzt.

Hinterhäuser: Auch Aida ist eine tiefere Reflexion über Machthierarchien und gehört zugleich zu den vulgarisiertesten Stücken der Literatur. Sie ist übrigens erst in einziges Mal in Salzburg gemacht worden, 1979 hat Karajan die Oper selbst dirigiert und inszeniert! Und die Werke von Neshat begleiten mich schon lange. Darin findet man viel von dem, worüber man in Aida nachdenken könnte, wenn man wollte. Ich hab das auch Riccardo Muti gezeigt, ihm einen kleinen Wolkenkratzer von Katalogen mitgebracht. Wir haben das durchgeblättert, und er hat nach wenigen Minuten gesagt: "Danke, das ist Aida." Schon vorher hatte er erklärt: "Aida mache ich gern, aber wir müssen uns darauf einigen, dass es Kammermusik ist, und es gibt keine Pyramiden und Elefanten ..."

ZEIT: ... was sich 36 Jahre nach der bahnbrechenden Inszenierung von Hans Neuenfels eigentlich von selbst versteht.

Hinterhäuser: Wir sprechen in diesem Fall nicht über Regietheater, Dekonstruktion und Fragmentarisierung. Diese Begrifflichkeiten betreffen unsere Weltregion, aber nicht die, aus der Neshat kommt. Sie ist definitiv nie mit Oper in Berührung gekommen, ihre Reaktion auf Aida war aber vollkommen unmittelbar. Ich möchte, dass jemand in der Lage ist, diese Oper zu erzählen. Eine Oper kann ja auch mal erzählt werden, und das wird Neshat extrem minimalistisch tun.

ZEIT: Es gibt einen zunehmenden Druck auf die Theater, gesellschaftliche Relevanz nachzuweisen, die Reaktion auf Zeitläufte, mit, platt gesagt, Migranten auf der Bühne. Spürt den auch der Intendant der Salzburger Festspiele?