Martin Hellwig, 68, gehört nicht zu den bekanntesten Ökonomen im Land, aber sein Ansehen ist enorm. So gut wie kein Kollege bezweifelt, dass er einer der großen deutschen Volkswirte ist. Ein Talkshow-Professor ist er allerdings nicht. Auch für links-rechte Streitgespräche ist er kaum zu haben, wohl aber für die Praxis. Immerhin führte er einmal die deutsche Monopolkommission und schrieb nach der Finanzkrise einen internationalen Bestseller über die Lügen der Bankenlobby.

Ende April scheidet er nun aus als Direktor des Bonner Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern, und wenn einer wie er seine Position im Wissenschaftsbetrieb räumt, rechtfertigt das einen Besuch. Umso wichtiger ist die Visite, da die liberalen Demokraten heute mit den Populisten ringen: Redet man mit Hellwig über seine Erfahrungen, lernt man einiges über die Krise der Wahrheit in der öffentlichen Debatte – darüber also, warum viele Bürger gerade jetzt den Medien ihre Fakten und den Wissenschaftlern ihre Argumente und Studien nicht mehr abnehmen.

Nichts wie hin zu dem groß gewachsenen Mann mit dem vollen grauen Haar und dem etwas spitzbübischen Gesicht, hinein in den lichtdurchfluteten Raum in einer alten Villa im ehemaligen Bonner Regierungsviertel. Dort sitzt Hellwig an seinem Riesenschreibtisch mit vielen Papieren und gebundenen wissenschaftlichen Arbeiten darauf, erhebt sich, gibt einem mit tiefem Diener die Hand, weist hinüber zur hellen Couchgarnitur – wo dann bei Kaffee und Wasser geredet wird.

Jahrzehntelang war Hellwig ein führender Mann in den Forschungsranglisten der Ökonomen. Doch der kritische Geist in ihm blickt auch fragend auf die volkswirtschaftliche Debatte selbst, entdeckt den Widerspruch in Theorien und die Ideologie in scheinbar sachlichen Argumenten. Unter seinem Blick entpuppt sich manche einflussreiche Idee als fauler Zauber. Das Konzept der Wettbewerbsfähigkeit eines Landes etwa, das bei näherem Hinsehen undefiniert und damit inhaltsleer ist. Auch die allgegenwärtige Forderung, Wirtschafts- und Sozialpolitiker sollten nach Effizienz streben, ist für ihn so eine Idee. Tatsächlich, so erklärt es Hellwig, würden dadurch Verteilungsfragen verdrängt. Die unterschwellige Botschaft der Effizienzapostel: Irgendwie würden die Verlierer schon entschädigt. Aber am Ende finde eine solche Kompensation nicht statt. Und die Frage, von wo nach wo genau das Geld umverteilt wird, werde nicht diskutiert. Tatsächlich hat Deutschland das zum Beispiel erlebt, als im Namen von Markt und Wachstum die Steuern für Unternehmen oder die Steuer auf Kapitalerträge gesenkt wurden. Für die Nutznießer sei das zwar von Vorteil, sagt Hellwig, für den gesellschaftlichen Zusammenhalt aber ein Problem.

Hellwig, der Bullshit-Detektor der Volkswirtschaftslehre, der Mann, dem – bei seinem zeitlosen hellen Anzug ist es ebenso offensichtlich wie in der Ökonomie – Moden ein Graus sind. "Ich bin viel zu sehr Skeptiker, um an irgendetwas als Allheilmittel zu glauben", sagt Hellwig. Das gilt auch für die Revolution der Verhaltensforscher in der Ökonomie, die aufräumen mit der Annahme, der Mensch verfolge seine Interessen stets rational und treffe konsequente und stimmige Entscheidungen. Sie stellen damit die Grundlage der allermeisten volkswirtschaftlichen Modelle infrage.

Doch für Hellwig, den Vernunftmenschen, sind diese rationalen Modelle oft hilfreich, auch wenn er gleichzeitig warnt, man dürfe sie nicht zu ernst nehmen: "Ihre Aussagekraft ist immer begrenzt, aber bei richtigem Einsatz geben sie auf viele Fragen ziemlich gute Antworten." Ein Beispiel für Rationalität in der Wirtschaft hat er auch parat aus seiner Zeit als Chef der Monopolkommission Anfang des Jahrtausends. Da hatte er mit dem Chef des Energieriesen E.on, Ulrich Hartmann, zu tun, der den Ruhrgas-Konzern übernehmen wollte, sich schließlich auch über die Bedenken der Kommission hinwegsetzte und eine Ministererlaubnis erhielt. Der mittlerweile verstorbene Shareholder-Value-Manager erwies sich als so rationaler und geschickter Stratege, wie es das Modell nicht schöner beschreiben könnte.

Und doch, und doch: Einmal strebte auch Hellwig, der Skeptiker, nach dem ganz großen Wurf, wie er mit jugendlicher Freude erzählt. Und so ganz hat er die Hoffnung immer noch nicht aufgegeben, 40 Jahre später. Es geht um nicht weniger als das Geheimnis des Geldes.

Alles begann in den siebziger Jahren. Hellwig hatte in Marburg und Heidelberg studiert, hatte an der vielleicht besten Volkswirtschaftsschule der Welt, dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) bei Boston, seinen Doktor gemacht, war in Stanford und Princeton gewesen und sollte 1977 in Bonn der jüngste Volkswirtschaftsprofessor des Landes werden. Im Jahr zuvor schrieb er eine grundlegende Arbeit darüber, warum so etwas wie Papiergeld überhaupt dauerhaft existiert. "Es ist das beste Paper, das ich je geschrieben habe. Nur ist es nie veröffentlicht worden, denn die Beweise enthalten Fehler, die ich noch nicht alle korrigieren konnte", sagt Hellwig.