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Wenn in zwei Wochen Abiturienten aus 15 Bundesländern erstmals am selben Tag ihr Matheabitur schreiben, werden sie vergleichbare Fragen beantworten müssen. In diesem Jahr haben die Länder zum ersten Mal gemeinsam Abituraufgaben erstellt und bedienen sich teilweise aus dieser Sammlung. Dieser Aufgabenpool soll von nun an der verbindliche Standard für das Abi in Deutschland sein. Er zeigt auch, wie sich der Matheunterricht verändert hat: Mehr Anwendung, mehr Bezug zur Realität war die Devise der vergangenen Jahre. Damit sollte den deutschen Schülern ihre traditionelle Mathemuffeligkeit ausgetrieben werden.

Doch nun gibt es massive Kritik an dieser Form des Unterrichts. "Den Studienanfängern fehlen Mathematikkenntnisse aus dem Mittelstufenstoff", schrieben 130 Professoren und Mathelehrer vor einigen Wochen an die Bildungsminister. Sie scheiterten sogar schon an Bruchrechnung sowie Potenz- und Wurzelrechnung. Das in der Schule vermittelte Wissen reiche für ein technisches, naturwissenschaftliches, betriebswirtschaftliches oder mathematisches Studium nicht mehr aus. "Diese Defizite sind längst kaum mehr aufholbar."

Hat ausgerechnet eine Reform, die Schüler mehr für Mathe begeistern sollte, sie endgültig zu Matheversagern gemacht? Wie schlimm steht es nun um die Mathekenntnisse der deutschen Abiturienten?

Janko Latschev war in den vergangenen beiden Jahren Beauftragter für Studium und Lehre am Fachbereich Mathematik der Hamburger Uni. "In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Studentenzahlen verdoppelt", sagt er. Es sitzen nicht mehr nur die Topabiturienten in den Seminaren. "Es ist daher schwer zu sagen, ob sich die Kenntnisse wirklich verschlechtert haben." Aber viele Studenten seien überrascht, was Mathe im Studium bedeute – und das habe einen einfachen Grund. Mathematik sei eigentlich die Wissenschaft vom Erkennen von Zusammenhängen, es gehe um logisches Denken und Abstraktionsfähigkeit. Aber genau das spiele in der Schule nur noch eine untergeordnete Rolle. So werde im Hamburger Bildungsplan "Mathematik zur Hilfswissenschaft degradiert".

Wenn Mathematiker über den Matheunterricht schimpfen, ist Hamburg ein beliebtes Beispiel. In keinem anderen Bundesland liegt der Fokus so sehr auf der "Verbindung mit der Wirklichkeit", wie es im Hamburger Bildungsplan heißt. In ihrem Brief warnen die Professoren, dies dürfe auf keinen Fall zum Beispiel für andere Bundesländer werden.

Viele scheitern schon an den komplizierten Formulierungen der Textaufgaben

Viele Hamburger Mathelehrer teilen die Skepsis: Vor lauter Anwendungsorientierung fehle ihnen die Zeit für die Mathematik, klagen sie. Ihre Schüler hätten inzwischen weniger Probleme mit dem Lösen der Rechnungen, sondern vielmehr mit den komplizierten Formulierungen der Textaufgaben. Und leider sei es oft so, dass die Schüler nur mechanisch die Aufgaben lösten, ohne den Sinn zu verstehen.

Gabriele Kaiser ist Mathedidaktikerin an der Uni Hamburg – und sie hat die Hamburger Schulen bei der Entwicklung der anwendungsorientierten Aufgaben beraten. Die Skepsis kann sie verstehen. "Die Mathematik ist in den vergangenen Jahren wirklich etwas zu kurz gekommen", sagt sie. Man müsse eine bessere Mischung aus Anwendung und Mathematik finden. Die Kritik der Professoren hält sie dennoch für überzogen. Gemeinsam mit mehr als 50 weiteren Professoren für Mathedidaktik hat sie eine Antwort formuliert. "Auch wir sehen die angesprochenen Probleme", heißt es darin. Die Ursachenanalyse sei allerdings "erkennbar falsch". Die Matheprobleme seien älter als die neuen Bildungsstandards. Und es sei eben auch wichtig, dass die Schüler wüssten, was sie mit Mathematik anfangen können.