Das Geschäft läuft schlecht, eigentlich läuft es gar nicht. Ray Kroc ist Handelsvertreter im Amerika der fünfziger Jahre, mit seinem blassblauen Plymouth Belvedere kurvt er durch den Mittleren Westen und versucht, seinen Profi-Milchshake-Mixer an den Mann zu bringen. Sobald ein Schnellrestaurant in Sichtweite kommt, hält er an, wuchtet seine Wundermaschine aus dem Kofferraum und sagt sein Sprüchlein auf. Meist vergeblich. Das Rührgerät verkauft er nicht. Ray Kroc verkauft seine Würde.

Der Mann aus Illinois hat schon bessere Tage gesehen, und die Leute riechen das. An den Burger-Buden wird er nicht bedient, man übersieht ihn einfach. Längst ist ihm die Scham unter die Haut gekrochen, und gegen die Scham hilft nur ein Schluck aus dem Flachmann. Abends hockt Ray in muffigen Motels, vor ihm sein kleiner Hausaltar, ein tragbarer Plattenspieler, daneben eine Flasche Scotch. Kroc hört nicht Musik, er hört einen Vortrag über die Kraft des positiven Denkens ("Halte durch, sei beharrlich!"), eine gut gesetzte Anspielung auf die damals viel gelesene Selbstertüchtigungsbibel des Pastors Vincent Peale, des späteren Mentors von Donald Trump. Jetzt ist Ray ganz unten. Wenn der Film zu Ende geht, ist er ganz oben, einer der reichsten Männer der Welt und der Big Mac der internationalen Systemgastronomie. Ray ist "The Hamburger King".

Der Regisseur John Lee Hancock erzählt in seinem Film The Founder die Gründungsgeschichte der Fast-Food-Kette McDonald’s, er erzählt, wie der Handelsreisende Raymond Albert Kroc im kalifornischen San Bernardino die netten Brüder Mac (John Carroll Lynch) und Dick McDonald (Nick Offerman) kennenlernt und von ihrer Erfindung fasziniert ist: Die beiden haben das Speedee-System erfunden und damit ihr Schnellrestaurant revolutioniert, niemand muss mehr warten, das Essen kommt sofort, keiner macht einen Handgriff zu viel.

Die McDonald’s-Bude ist "eine Symphonie der Effizienz", und Kroc wittert seine Chance: Er will ganz Amerika mit dem System beglücken, von Ost nach West, von Küste zu Küste. Anfangs sträuben die Brüder sich, doch schließlich treten sie die Franchise-Rechte an Ray Kroc ab – an jene Spürnase, die von Michael Keaton (Birdman) derart hinreißend gespielt wird, dass man dem New Yorker nur beipflichten kann: Keaton agiert so meisterhaft, als sei sein ganzes Schauspielerleben auf diese Rolle zugelaufen. Michael Keaton trägt den Film nicht. Er IST der Film.

Und doch: Was soll das Ganze? Was ist interessant an dem Stoff? Will The Founder jetzt, wo die US-Geldaristokratie sogar den Präsidenten stellt, den Amerikanern den Glauben an den menschenfreundlichen Kapitalismus zurückgeben, an jene heile Welt der fünfziger Jahre, in denen der einfache Arbeiter mit seinem Lohn noch eine Familie ernähren konnte, sein Chef noch nicht das 400-Fache verdiente und jeder glauben durfte, er würde vom amerikanischen Traum ein Sahnestückchen abbekommen?

Tatsächlich wirkt der Film extrem stilisiert, er ist ästhetisch überkoloriert und hat oft etwas Puppenstubenhaftes. Blitzblank und proper, wie Bonbonnieren, sehen Amerikas Kleinstädte aus, ihre adretten Bewohner sind wie aus dem Ei gepellt, garantiert ohne Ketchup-Spritzer auf der frisch gestärkten Bluse.

Doch der Schein trügt, und er soll es auch: Hinter der unwirklichen Idylle liegt die freie Wildbahn des Kapitalismus, das brutale Gelände einer Wettbewerbsgesellschaft mit ihren ups and downs, Tricks und Täuschungen. Eben noch war Ray Kroc der Fußabtreter der Gesellschaft, doch jetzt verwandelt sich die Scham des Verlierers in den Killerinstinkt des künftigen Siegers. Ray, der keiner Fliege etwas zuleide tun konnte, zahlt es der Welt heim, und sein Schlachtruf heißt "Business ist Krieg".

Weil das Franchise-Geschäft anfangs nicht gut läuft, versucht er die Brüder McDonald auszubooten und kaltzustellen. "Wir haben doch einen Vertrag!", rufen sie verzweifelt, aber Ray, der charismatische Kapitalist, der gerade einem Geschäftspartner die Frau ausgespannt hat, antwortet mit einem breiten Grinsen: "Verträge sind wie Herzen – sie sind dafür da, gebrochen zu werden." Wer in Amerika groß rauskommen will, der muss andere über den Tisch ziehen; wer eine weiße Weste behalten will, der bleibt ein kleiner Imbissbudenbesitzer im Wüstenkaff San Bernardino.

Amerikanische Kritiker haben The Founder vorgeworfen, er unterschlage die gesundheitlichen Folgen der Fast-Food-Revolution. Das stimmt, doch es war gar nicht sein Thema. Hancock interessiert sich für etwas anderes: für die religiöse Aufladung des Kapitalismus. Sein Held ist eben nicht nur ein gewiefter Salesman, er ist ein Marketing-Genie, das genau verstanden hat, dass es nicht nur einen braunen Fleischklops mit pappigem Brot und einem plastikgrünen Salatblatt verkauft, sondern ein kryptoreligiöses Versprechen. Nicht zufällig ist sein erster Angestellte ein Bibelverkäufer, und seine Burger-Buden feiert Kroc als Kathedralen der Massenkultur, als "Amerikas neue Kirchen", die mit ihren goldgelben Bögen nachts so hell leuchten wie der Stern über Bethlehem. Hier kommen die Familien zum Abendmahl zusammen, beim Happy Meal sind alle gleich, und am Tisch des Herrn verwandelt sich die verstreute Gesellschaft in die nationale Gemeinschaft. "McDonald’s – das klingt wie Amerika."

Ray Kroc, der Donald Trump der fünfziger Jahre, ist eben nicht nur The Founder. Er ist der profane Erlöser, der weiß, dass sich der Kapitalismus am Taufbecken der Religion bedienen muss, um dem niederen Konsum die höheren spirituellen Weihen zu verleihen. Hätte Kroc sich damals für das Präsidentenamt beworben – Amerika hätte ihn gewählt.

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