DIE ZEIT: Victoire, mit 18 Jahren warst du ein sehr erfolgreiches Model. Was muss man für den Job können?

Victoire Dauxerre: Nicht viel. Niemand fragt ein Model, was es denkt oder will. Die Klamotten eines Designers sind immer der Star – hinter denen soll man verschwinden.

ZEIT: Aber schön sein muss man schon?

Dauxerre: Es geht nicht um hübsche Gesichter, das Wichtigste ist der Körper. Ich fand kaum ein Mädchen schön. Sie sahen aus, als würden sie bald sterben.

ZEIT: Warum?

Dauxerre: Models sollen groß und gleichzeitig sehr dünn sein. Die Designer erwarten, dass Frauen in Kleider passen, die Zwölfjährige tragen würden.

ZEIT: Und dir haben die Sachen gepasst?

Dauxerre: Anfangs nicht. Ich bin 1,78 Meter groß und habe 56 Kilogramm gewogen, als ich anfing. Das war viel zu viel. Ich musste abnehmen, um Jobs zu bekommen. Ich habe es als Neuling unter die 20 erfolgreichsten Models der Welt geschafft – und wog nur noch 47 Kilo.

ZEIT: Wie hast du so schnell so viel abgenommen?

Dauxerre: Anfangs habe ich drei Äpfel am Tag gegessen – anstelle von drei Mahlzeiten. Dann kamen Medikamente dazu, und schließlich habe ich mir regelmäßig den Darm ausgespült. Das tun alte Leute, wenn sie nicht mehr aufs Klo können. Models verbringen viel Zeit auf der Toilette, das ist überhaupt nicht glamourös. Viele nehmen auch Drogen, um keinen Hunger zu spüren.

ZEIT: In Shows wie Germany’s next Topmodel sollen die Mädchen sich gesund ernähren und fit sein ...

Dauxerre: Das ist einfach nicht wahr. Man kann sich nicht gesund ernähren, wenn man in Größe Null passen will. Ich bin nach acht Monaten im Krankenhaus gelandet. Und Sport treiben darf man schon gar nicht.

ZEIT: Wieso nicht?

Dauxerre: Weil man dann Muskeln bekommt, und die sind nicht erwünscht. In die Sonne gehen und braun werden ist auch verboten. All die Mädchen und Frauen, die auf dem Laufsteg strahlen, sehen hinter der Bühne aus wie Skelette.

ZEIT: Im Fernsehen wirkt das ganz anders ...

Dauxerre: Ja, durch die Kamera sieht jeder fünf Kilo schwerer aus. Und bei Modenschauen kann man mit Make-up und Licht enorm tricksen.

ZEIT: Aber es stimmt, dass man als Model um die Welt fliegt?

Dauxerre: Das schon, aber ich war permanent unglücklich. Noch einmal: Man darf nicht essen, man fühlt sich die ganze Zeit unwohl in seiner Haut. Ich war immer allein und traurig.

ZEIT: Bist du wenigstens reich geworden?

Dauxerre: Ich habe in den acht Monaten zwar 100.000 Euro verdient, aber nur viel weniger bekommen. Jede Taxifahrt, jedes Foto in meiner Mappe musste ich nachträglich zurückzahlen.

ZEIT: Wie sieht ein typischer Topmodel-Tag aus?

Dauxerre: Wenn keine Modenschauen sind, hofft man auf Fotoshootings. Manchmal hat man aber auch wochenlang gar nichts zu tun. Wenn man zu den Fashion Weeks auf den Laufsteg möchte, fliegt man nach New York, Paris, Mailand oder London und muss dort zu Castings.