Es ist Montagnachmittag, HafenCity Hamburg, als eine Frau, wohl Anfang 40, sicher Mutter, sagt: "Ich komme da einfach nicht drauf klar." Nicht darauf klarzukommen bedeutet in ihrem Fall: Sie versteht nicht, was hier gerade passiert. Derselbe Montagnachmittag, nur ein paar Meter entfernt, ein Junge, wohl um die 13, auf jeden Fall außer sich, sagt: "Ich komm da nicht drauf klar, o Mann!" Nicht darauf klarzukommen bedeutet in seinem Fall: Vor ihm stehen Lena und Lisa, LeLi, 14-jährige Zwillinge, blondes Haar, Zahnspange, millionenfach verehrt. Der Junge ist ein Fan. Und jetzt, ja, jetzt, wirklich, o Mann!, darf er die beiden umarmen.

Lena und Lisa. 10,5 Millionen Follower auf Instagram, 18,5 Millionen Fans bei Musical.ly. Nur mal zur Einordnung: Fußballer Mesut Özil kommt in dem sozialen Netzwerk Instagram auf 11,8 Millionen Follower, Model Heidi Klum auf 3,5 Millionen, der Schauspieler und Produzent Matthias Schweighöfer auf 662.000. Özil, Klum, Schweighöfer, sie alle haben eine Profession, sie können etwas besonders gut, mit diesem Etwas sind sie berühmt geworden. Lisa und Lena nehmen mit ihren Smartphones kurze Videos auf, sogenannte Musical.lys – und erobern damit gerade die Welt; drei Viertel ihrer Fans haben sie im Ausland.

Die Zwillinge ein halbes Jahr lang zu begleiten bedeutet zuzusehen, wie sich ihre Fangemeinde auf Instagram verdoppelt. Wo sie auftauchen, heulen vor allem Mädchen vor Glück, schreit es "Liiiiiiisa! Leeeeeena!", müssen Umzugskartons für all die vielen Kuscheltiere und Liebesbriefe und Plakate bereitstehen, die die Zwillinge von ihren Fans bekommen. Das Internet hat eine neue Spezies von Popstars hervorgebracht.

Ein Mädchen ist 1.200 Kilometer aus Ungarn angereist, um die Zwillinge zu umarmen

Nach Hamburg sind Lena und Lisa gekommen, um Fans zu treffen. Altersgemäß und damit schülerfreundlich soll das Umarmen und Selfiesmachen um 15 Uhr beginnen – die ersten Fans stehen aber schon seit dem frühen Morgen auf dem Kopfsteinpflaster. Am Nachmittag dann, wohin man schaut: Nur Jugendliche, in den nächsten Stunden werden sich mehr als 2.000 anstellen. Der Junge, der später vor Lisa und Lena stehen und "Ich komm da nicht drauf klar!" sagen wird, darf an der Schlange vorbei, weil er für ein VIP-Treffen ausgelost wurde. Er wird sogar ein Musical.ly mit den Zwillingen drehen.

"Heeeyyyy", sagen Lena und Lisa, als die 20 VIP-Fans vor ihnen stehen. "Alles klar bei euch?!" Ein wirkliches Gespräch kommt nicht in Gang, man ist zu aufgeregt, zu unsicher. Und über was soll man auch reden, wenn man sich eigentlich nicht kennt? Die Erwachsenen stehen drumherum, sie wirken wie Statisten in einem Spiel, für das sie viel zu alt sind. Gleichzeitig sind sie es, die die Regieanweisungen geben; dieses Mal Lenas und Lisas Manager: wo sich die Jugendlichen umarmen, wo sie am besten das gemeinsame Musical.ly drehen, wo sie Autogramme und Poster abholen sollen.

Ein Mädchen ist extra aus Ungarn angereist, besser gesagt: Ihre Mutter und Großeltern sind die 1.200 Kilometer bis nach Hamburg gefahren. Mutter und Tochter tragen T-Shirt und Pulli aus der LeLi-Merchandise-Kollektion, Dream it & Do it steht vorne drauf, das käufliche Motto der Internet-Zwillinge. Die Tochter macht Fotos für ihren Instagram-Account namens lisaandlena_is_my_life, aktueller Status: "On Monday I can hug them".

Sich selbst bezeichnen Lena und Lisa als ganz normale Zwillinge. Wenn sie gerade nicht Fans umarmen oder Musical.lys drehen, gehen sie zur Schule, in Stuttgart, der schwäbische Dialekt kommt manchmal durch. Lisa spricht von einem "Doppelleben": an den Wochenenden Fans umarmen oder in London andere Internetstars treffen, am Montag dann wieder im Klassenraum sitzen und quadratische Gleichungen lösen. Die Mutter fährt sie jeden Tag zur Schule, weil Busfahren wohl zu einem Verkehrschaos führen würde. Ins Milaneo, ein Einkaufszentrum und beliebter Jugendtreffpunkt an Nachmittagen und Wochenenden, können sie nicht mehr gehen. Sie sind zu berühmt. Im Untergeschoss, bei der Drogeriekette dm, steht ein riesiger Pappaufsteller mit einem Foto der beiden, Werbung für die neuen Lisa&Lena-Haargummis.

Bevor Lena und Lisa zu einer Marke wurden, empfanden sie Zwillingsein als eher negativ. "Wir wurden nie als individuelle Personen wahrgenommen, das nervte", sagt Lena. "Instagram und Musical.ly haben uns die positive Seite daran gezeigt." Bevor sie zu einer Marke wurden, achteten sie darauf, unterschiedlich auszusehen. Heute tragen sie bei ihren Auftritten immer die gleichen Outfits. Die Mutter nennt es Show.

Vergleicht man das erste Musical.ly-Video, das Lena und Lisa vor kaum mehr als einem Jahr aufnahmen, mit den aktuellen Videos, sieht man, wie professionell die Mädchen geworden sind: Anfangs waren es eben zwei Schwestern, die zu Hause Playback sangen und sich dabei filmten; Mimik und Gestik waren zurückhaltend, schüchtern könnte man auch sagen, mal filmten sie im Quer-, mal im Hochformat. Inzwischen stecken in den kurzen Sequenzen regelrechte Choreografien, die Outfits sind kein Zufall, die Mimik ist geschult: zwinker, zwinker, breites Lächeln, Victory-Zeichen.