DIE ZEIT: Frau Hoss, wo waren Sie, als Trump gewählt wurde?

Nina Hoss: Ich war in New York, auf einer Party mit vielen Frauen – intellektuellen Frauen, die auf Hillary Clinton gehofft hatten. Als es klar wurde, dass Trump gewählt wurde, herrschte tiefe Niedergeschlagenheit, aber am Ende sagten alle Frauen: Well, let’s continue. Da war so eine Kraft dabei, tief in der Nacht. Die Frauen standen auf und sagten nach einem Moment der Depression: Weiter geht’s. Und sie hatten recht. Ich bin dagegen, dass wir uns in ein schwarzes Loch reinreden – sonst kommen wir nicht voran. Im Loch sind wir sowieso schon. Deshalb suche ich die Lichtmomente.

ZEIT: Was taten Sie, als der Präsident ins Amt eingeführt wurde?

Hoss: Ich bin nach Washington zum Women’s March gefahren, morgens um fünf. Ich wollte was tun. Ich war wütend über diesen Sieg des Neoliberalismus. Aber ich habe auch mitgekriegt, wie die amerikanische Linke ihr Entsetzen kundtat über die Wahl. Sie hatten die Attitüde, zu sagen: Um Gottes willen, wie konnten die uns das antun?

ZEIT: Die? Wer?

Hoss: Na, die Trump-Wähler. Man hat ja als Linker über viele Jahre hin gedacht, man habe die moralische Hoheit und könne jede Diskussion, jeden Diskurs unterbinden, indem man sagt: "So kannst du das nicht ausdrücken. Wenn du das sagst, bist du aber Rassist!" Und dieses Verhalten werfen uns die Trump-Wähler vor. Dass wir sie von oben herab gesehen, ja ignoriert haben.

ZEIT: Sie werden beim Manchester International Festival in diesem Sommer Didier Eribons autobiografischen Bericht Rückkehr nach Reims in einer Theaterfassung zeigen, Thomas Ostermeier, der Intendant der Berliner Schaubühne, wird Regie führen. Sie beide werden gemeinsam mit Eribon die Spielfassung herstellen. Bei Eribon geht es ja genau darum: um den realitätsfernen Hochmut einer aufgeklärten Schicht, ja um die Tendenz, dass Linke durch Aufstieg ihre Herkunft, ihren gesellschaftlichen Auftrag vergessen. Haben Sie das auch selbst empfunden?

Hoss: Der Apparat frisst einen auf. Man verstrickt sich schnell darin und macht Kompromisse. Und man sagt: Na gut, ein Mal kannst du’s ja machen – und schon hängt man in den Spinnennetzen. Und als die Linke in die Parlamente kam, ging es ja ganz schnell um Machtpositionen ...

ZEIT: Hat Eribon also recht?

Hoss: Didier Eribon haut seine Kritik den Linken, den Leuten seines eigenen Lagers, um die Ohren. Und er hat ja recht: Wir dürfen nicht nur schimpfen auf Trump-Wähler, auf die AfD – denn wir sind alle schuld, dass es so ausuferte. Wir sind in eine falsche Richtung gestiefelt und haben uns nicht mehr auseinandergesetzt. Wir haben einen großen Teil der Bevölkerung – in allen Ländern des Westens – außer acht gelassen, und diese Missachtung wird uns jetzt um die Ohren geschlagen.

ZEIT: Es geht namentlich in den USA sehr aggressiv zur Sache gegen die linken Eliten ...

Hoss: Die Celebrities, die sich politisch äußern, werden in den sozialen Medien buchstäblich auseinandergenommen.

ZEIT: Von wem?

Hoss: Ich würde schon sagen: von Trump-Wählern. Der offene Hass auf eine Elite hat mich erschreckt. Man muss sich das anhören, begreifen, wo es herkommt – und in Bewegung kommen, den Diskurs annehmen. Man kann sich nicht wegducken. Das wird nicht funktionieren. Da werden die anderen stärker sein.

ZEIT: Was heißt "in Bewegung kommen"?

Hoss: Wir haben es verlernt zu diskutieren – wirklich zu diskutieren! Demokratie ist einfach wahnsinnig anstrengend. Das haben wir, glaube ich, alle vergessen. Alles verändert sich, immer – und es wird nie den Zustand geben, wo alle auf der Welt sagen: Alles ist gut. Aber gerade darum darf man nicht aufgeben und hoffnungslos werden. Auch wenn es im eigenen kleinen Leben immer wieder schwierig wird. Man kann nur versuchen, an einer Gesellschaft zu arbeiten, in der es jedem Menschen möglich ist, ein würdevolles Leben zu führen. Und an diese Hoffnung glaube ich nach wie vor. An dem Gedanken bin ich gerade dran.

ZEIT: Ist das Theater ein Ort für solche Gedanken?

Hoss: Ja. Auch wenn man weiß, dass dort vor allem die sitzen, von denen Eribon nicht spricht – die anderen gehen nicht, viele können nicht ins Theater.