DIE ZEIT: Frau Gabler, Sie haben in einer neuen Studie untersucht, unter welchen Bedingungen junge Frauen bereit wären, in der ostdeutschen Provinz zu bleiben – am Beispiel des Landkreises Görlitz. Und kommen zu der Erkenntnis, dass manche Arbeitgeber Angst vor klugen Frauen haben.

Julia Gabler: Zumindest werden junge, hochqualifizierte Frauen von einigen Führungskräften als Bedrohung empfunden. Einer sagte mir: Ihre bloße Anwesenheit schüre schon Unsicherheit.

ZEIT: Im Ernst? Woran liegt das?

Gabler: Vielleicht daran, dass die ländliche Gesellschaft, zumal im Osten, immer noch stark männlich dominiert ist. Wenn dann Frauen mit an den Tisch kommen, die vielleicht schon ein bisschen was von der Welt gesehen haben, die vieles gut können und manches anders machen wollen, scheinen sich männliche Führungskräfte infrage gestellt zu fühlen. Frauen sind oft progressiver. Das erzeugt Angst. An diese Angst müssen wir ran, wenn wir Frauen in Gegenden wie der Lausitz halten wollen. Solange sie kleingehalten werden, gehen sie.

ZEIT: Ist es überhaupt noch so, dass junge Frauen den Osten scharenweise verlassen?

Gabler: Ja und nein. Der Exodus vergangener Jahre ist vorbei. Das Klischee von der Gesellschaft, in der lauter alleingelassene Männer auf dem Dorf herumsitzen, ist überholt – jedenfalls in der Generation derer, die heute 20, 30 Jahre alt sind. Gerade in den größeren Städten ist der Zuzug inzwischen größer als der Wegzug. Der ländliche Raum im Osten leidet jedoch immer noch daran, dass viele junge Frauen fortgehen und kaum welche hinziehen. Sie gehen nur aus anderen Gründen weg als früher.

ZEIT: Was heißt das?

Gabler: Wer einen guten Job haben wollte, musste in den Neunzigern meist den Osten verlassen. Heute ist das anders, die Jobs sind da, aber jetzt sind den Jüngeren die Bedingungen extrem wichtig. Wer weggeht, macht das nicht aus Not. Sondern weil er glaubt, sich anderswo besser entfalten zu können. Wir leben in einer mobilen Gesellschaft. Nur eine Minderheit sagt: Ich bleibe auf jeden Fall! Gerade mal 30 Prozent der Gymnasiastinnen gaben an, dass sie im Landkreis Görlitz bleiben wollen.

ZEIT: Haben Frauen andere Gründe für das Weggehen als Männer?

Gabler: Junge Frauen sagen viel öfter, dass die öffentliche Infrastruktur sie nicht überzeuge, das kulturelle Angebot nicht ausreichend sei; dass sie sich in ihrer Mobilität zu stark eingeschränkt fühlten. Zudem hörten wir oft, dass Frauen die Region als engstirnig empfinden. Sie sagen: Es gibt zu viel strukturellen Konservativismus der Eltern, des Establishments. Eben auch der Chefs.

ZEIT: Wie holt man denn die Frauen, die gegangen sind, zurück?

Gabler: Ich finde die Fixierung auf Rückkehrer problematisch, weil die Möglichkeiten da begrenzt sind. Die meisten Rückkehrer sind Männer, die oft für die Ausbildung fortziehen, mit dem Ziel, wiederzukommen. Das ist bei Frauen anders – viele, die einmal weg sind, kommen nicht zurück. Zum Studium kommen gleichzeitig viele nach Görlitz, die nicht aus der Region stammen oder sich mit der Familie bewusst für das Landleben entscheiden. Deshalb fände ich es besser, die Frauen zu umsorgen, die da sind. Dafür reicht es nicht, Autobahnen und Gewerbeparks zu bauen.

ZEIT: Sondern?

Gabler: Wir müssen ans gesellschaftliche Klima ran. Die Provinz sollte selbstbewusster sein. Auch darin, wie sie mit Frauen umgeht. Bislang wird Frauenförderung als Förderung von Mütterlichkeit verstanden. Tatsächlich aber bleiben Frauen, wenn sie sich verwirklichen können. Wenn sie flache Hierarchien, attraktive Beschäftigung, Wertschätzung finden. Und die Provinz darf sich nicht selbst andauernd einreden, hier könne man nicht bleiben. Dem Osten tun Frauen gut, gerade auf dem Land.