Hanna Jacobs, 28, ist Vikarin im niedersächsischen Selsingen. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Ostern ist das bessere Weihnachten. Es ist nicht so überfrachtet mit Erwartungen und Weihnachtsmarktbesuchen. Aus Ermangelung an säkularen Osterliedern, die im Radio in Dauerschleife laufen, und weil man sich nichts schenken muss außer höchstens Schokolade, ist es zudem nervenschonender: weniger Streit und weniger Herzinfarkte. Und dazu ganz wochenendunabhängig: zwei freie Tage.

Statt aus der Bank nach vorne zu blicken, gucke ich dieses Ostern von vorne ins Kirchenschiff. Es ist mein erstes Ostern als Vikarin. In den vergangenen Jahren habe ich am Fest der Auferstehung hauptsächlich herumgelegen, die "Dornenvögel" geguckt, lediglich unterbrochen von Gottesdienstbesuchen und Osterbrunch. Die Tage von Donnerstag bis Montag waren wie gemacht, um sich vor Semesterbeginn noch einmal munterzuschlafen. Aber jetzt, wo ich Pastorin in Ausbildung bin, ist es nicht mehr an mir, Richard Chamberlain bei seinem seelsorgerlichen Handeln zuzuschauen.

Nach sechs Wochen des Fastens oder Fastenkalenderumblätterns ist sie da, die Karwoche. Was in der Karwoche alles passiert – und mit welcher Geschwindigkeit –, das ist wohl am ehesten für Teenager nachvollziehbar: ein liturgisches Auf und Ab der Gefühle. Innerhalb kürzester Zeit wechselt die Stimmung von tiefster Verzweiflung zu alles überstrahlender Freude. Am Gründonnerstag schwelgen wir wehmütig in der Tischgemeinschaft mit den Jüngern. Time to say goodbye. Schon am nächsten Tag ist die gesamte Christenheit zu Tode betrübt. Alles ist aus, rien ne va plus. Es folgt ein Tag apathischen Wartens (auch das "Rumhängen" ist vielen Jugendlichen als Seinszustand bestens bekannt), bevor mit dem Anbruch des Ostersonntags die Freude wie eine Fontäne in die Luft schießt und auf alles und alle niederregnet. Die Seele ist wieder himmelhoch jauchzend gestimmt. Der Ostermontag dient dann, im Rahmen des Möglichen, der Erholung. Tod und Auferstehung sind schließlich eine emotionale Angelegenheit.

Es ist Ostersonntag, kurz vor sechs, und ich stehe im Halbdunkel vor der Kirche. Hinter mir steht der Chor, alle schweigen erwartungsvoll. Ich bin gespannt wie Weihnachten und Ostern zusammen. 5.57 Uhr. In den Händen halte ich die Osterkerze, der Docht ist oben noch weiß. Mit buntem Wachs sind ein A und ein O appliziert. Anfang und Ende. Alles auf Anfang also. Ich zünde die Kerze an und trage sie in die dunkle Kirche. Der Chor singt "Christus ist das Licht". Faszinierend, wie hell eine einzelne Kerze einen großen Raum machen kann. Das Licht wandert in die Reihen, jeder und jede entzünden eine kleine Kerze an diesem großen Licht. Mit jeder weiteren Kerze erringt der helle Schein einen neuen Sieg über die Dunkelheit. Ich sehe in die Bänke und Gesichter – in diesem Moment, denke ich, spüren alle: Die Liebe ist stärker als der Tod. Mehr werde ich mit meiner Predigt auch nicht sagen. Trotzdem halte ich sie – Protestantismus verpflichtet.