Wenn die Erde ein Tier wäre, dann wäre sie ein plattgetretener Regenwurm, der sich noch blind weiterwindet durchs All. Wenn die Erde ein Obst wäre, dann wäre sie eine braune Banane, vergoren und vergessen auf dem Boden des kosmischen Schulranzens. Wenn die Erde ein Planet wäre, dann wäre sie die Erde, überbevölkert, klimakippend, krisengeschüttelt, kriegsversehrt. Der Erde geht es nicht gut, jeder weiß das. Trotzdem muss es weitergehen! Bett aufschütteln, Brote schmieren, arbeiten gehen.

Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie wären Werber und müssten die Konsumenten am Konsumieren halten. Was für eine Aufgabe derzeit! Man soll die Leute auf irgendwelchen neuen Schnickschnack aufmerksam machen, während sie daueronline durch einen konstanten Informationsstrom aus Scheiße waten. Assad Giftgas Kinder, Schweden Terror Laster, Korallen Klima Exitus, Na, geiles T-Shirt gefällig? Als Konsument kann einem bei dieser Mische schlecht werden. Da will man langsam mal auf den Tisch hauen, demonstrieren gehen, irgendwas tun! Und man ahnt auch immer nachhaltiger, dass dieser ganze Konsum irgendwie nicht ganz unschuldig ist an diesem Elend.

Damit muss man dann umgehen als Werber. Aus dieser Laune muss man die Leute abholen. Die Werber versuchen es mit einer Art kapitalistischem Spiegellabyrinth, in dem der Konsument nicht mehr weiß, ob er noch Geld ausgibt oder schon Gutes tut. Viele Firmen sagen inzwischen, Konsum sei im Allgemeinen schlecht, aber bei ihnen sei er ziemlich gut. Bio Company, Grüne Erde, Fair Trade. Das richtige Leben im falschen!

Wirklich schwer haben es Werber, die Massenware an junge Menschen verkaufen müssen. Weil die Jungen, die ohnehin einen Hang zum pubertären Protest haben, inzwischen verstehen, dass sie es selbst sind, die am Ende die dick eingebrockte Suppe der Gegenwart auslöffeln müssen. Viele Jugendliche, hört man, wollen inzwischen gar keine Massenware mehr kaufen, sondern nur noch Handgestricktes von befreiten Buckligen aus Bangladesch tragen oder Vintage-Kram von Oma, weil das auch individueller ist. Auf Instagram machen Jugendliche heutzutage mit bei allen Hashtag-Kampagnen gegen Krieg und für Liebe und pro Europa. Protest und ​awareness​ sind ein unabdingbares Lifestyle-Accessoire geworden. Sweatshop-Unternehmer müssen inzwischen eine Stange Geld ausgeben, um in diesem Klima noch glaubwürdig vermitteln zu können, dass der Kauf ihrer Produkte mit Wut vereinbar ist. Topshop hat zum Beispiel Beyoncé als Werbefigur engagiert, die Königin des wütenden zeitgenössischen Pop-Feminismus. Puma behauptet auf großen Werbeplakaten, dass das Puma tragende Supermodel Cara Delevingne auch eine "Aktivistin" sei, niemand weiß wofür, aber es geht hier ums Prinzip: Auch Cara ist aware.

Vorletzte Woche dann aber auf einmal Misserfolg trotz dieser Formel: Eine Pepsi-Kampagne, deren zentrales Thema Protest war, fuhr total gegen die Wand. In der Kampagne hatte man Kendall Jenner gesehen, einen Megastar aus dem Geschlecht der Kardashians, wie sie eine Phalanx aus hübschen, jungen, Selfie schießenden Demonstranten auf eine Polizeistaffel zuführte und einem der Beamten mit großer Geste eine Pepsi überreichte, in Versöhnung von Masse und Macht.

Für die Kampagne erntete der Hersteller nur Hohn, Spott und Zorn. Auf Twitter schrieb die Tochter von Martin Luther King: Ach, hätte mein Vater doch damals von Pepsi gewusst. ​Shitstorm! ​Pepsi zog die Kampagne zurück. Jenner, ein sensibles Gemüt, befindet sich laut Boulevard derzeit traumatisiert in Paris und ist total verunsichert.

Aber was hat das Unternehmen falsch gemacht? Das Problem war ganz eindeutig, dass die Cola-Firma der korrekten Analyse Wut die blauäugige Therapie Hoffnung folgen ließ. Schon allein, dass die Demonstranten Plakate hochhielten, auf denen "peace", "love", "join the conversation" stand! Alles war in dem Filmchen so bunt und zuversichtlich und wirkte wie aus einer unschuldigeren Zeit, bevor der IS Live-Videos von der Ertränkung Ungläubiger verbreitete. Hoffnung!?

Hoffnung verdirbt die Laune. Wer mit ihr wirbt, erinnert bloß daran, dass wir kaum noch welche haben. Und daran, dass man fast alles kaufen kann, nur die Hoffnung nicht. Der Konsument ist wütend.

Der Konsument will nicht daran erinnert werden, dass keiner irgendeine Lösung weiß, noch nicht mal Kendall Jenner.