Dieser Schwerpunkt ist ein gemeinsames Projekt der ZEIT mit der französischen Tageszeitung Le Monde. Zahlreiche der hier versammelten Beiträge, Interventionen, Erzählstücke und politischen Einordnungen erscheinen vor der Präsidentschaftswahl auch in Le Monde und sollen versinnbildlichen, was auf dem Spiel steht: ein Dialog, der nicht von Ressentiment, sondern von einem fruchtbaren, teils auch kritischen Gedankenaustausch zwischen Deutschland und Frankreich geprägt ist.

Nicolas Truong (Le Monde)
Adam Soboczynski (
DIE ZEIT)

Thea Dorn: Geist der Zerrissenheit

Jede Kulturnation lebt aus dem Geist der Zerrissenheit. Nur rohe oder langweilige Länder sind einfach zu begreifen. Und Frankreich gehört ganz gewiss zu den am wenigsten rohen, am wenigsten langweiligen Ländern. Neben all seinen Widersprüchen zwischen dem Atlantischen und dem Mediterranen, Paris und der Provinz, zartem mille-feuille und zähem Baguette scheint mir der Gegensatz von Ideologiekritik und Dogmatismus eins der bestimmenden Merkmale Frankreichs zu sein. Mit welch klarsichtiger, teils höchst ironischer Brillanz haben Köpfe wie Voltaire oder Diderot das Licht der Aufklärung endgültig über unserem Kontinent aufgehen lassen! Und in welch blindem Fanatismus ließen Betonschädel wie Saint-Just oder Robespierre den Freiheitsfuror zu jakobinischem Terror pervertieren?

Blicken wir in die jüngere Vergangenheit, stellen wir fest, dass französische Intellektuelle wie André Glucksmann, Alain Finkielkraut oder Pascal Bruckner den linken Hang zur Schönfärberei des roten Totalitarismus, zu Kulturrelativismus und europäischer Selbstbezichtigung viel früher, entschiedener und geistreicher kritisiert haben als etwa deutsche Intellektuelle. Auch heute findet in Europa das aufregendste Denken, will sagen: das Denken jenseits des Allgemeinschicklichen, in Frankreich statt – siehe Michel Houellebecq. Nun wäre es ein schlechter Kehrreim der Geschichte, wenn dieses Land sich abermals von den Gipfeln des Freigeistigen in die engen Täler des Fanatismus hinabstürzen würde.

In Der Block von Jérôme Leroy, einem Schlüsselroman über den Front National, gibt es eine Szene, in der sich der Chefideologe der Partei erinnert, was einer seiner Gymnasiallehrer einst auf seine rechten Provokationen erwidert hatte, nämlich "dass man den Zeitgeist ablehnen kann, ohne deshalb gleich ins Lager der Arschlöcher zu wechseln". Dergleichen Bemerkungen lassen sich nur in einem französischen Roman finden. Liebes Frankreich, bleib auf der Höhe dieses Geistes!

Peter Sloterdijk: Agonie-Beschleuniger sind das größte Risiko

Unter den betrübten Liebhabern der Nation, die sich vor Zeiten gern selbst la douce France nannte, gibt es noch immer einige, die sich an die Tragödie vom 17. Juni 1940 erinnern, als der greise Marschall Pétain im Rundfunk mit meckernder Stimme die Kapitulation seines Landes unter dem Ansturm der deutschen Truppen verkündete. An diesem Tag, so notiert ein alter Zeitzeuge, Daniel Cordier, einer der letzten Überlebenden der authentischen Résistance, sei Frankreich gestorben; alles, was sich nach der libération im August 1944 auf dem Territorium dieses Landes abspielte, seien nur noch Zuckungen einer Leiche gewesen, die sich ihre Auferstehung einbildet. Es waren immerhin Zuckungen, die Frankreich in den Nachkriegsjahrzehnten den Nimbus einer kulturellen Großmacht verliehen.

Eine solche Toterklärung widerfährt unserer Nachbarnation nicht zum ersten Mal. Auch nach der Niederlage im Krieg von 1870/71 – gleichfalls durch deutsche Truppen bewirkt – war ein Todesengel über der Trikolore aufgetaucht. Während die Dritte Republik die Parolen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auf alle öffentlichen Gebäude schrieb, verspürten die Sensiblen im Lande, wie eine todbringende Desintegration um sich griff. Was sich das eine und unteilbare Frankreich nannte, waren in Wirklichkeit zwei verfeindete Völker, die dasselbe Land bewohnten, das eine konservativ, katholisch, monarchistisch und von einem unheilbaren Ressentiment gegen die Revolution und ihre Folgen beseelt, das andere republikanisch, laizistisch, universalistisch und davon überzeugt, dazu auserwählt zu sein, der Welt das französische Evangelium zu predigen.

In unseren Tagen schwebt Frankreich akut in Gefahr, seiner Tradition der Agonien ein neues Kapitel hinzuzufügen – diesmal mit dem gespenstischen Vorsatz, sich so wiederherzustellen, wie es in vorgeblich besseren Tagen zu sein sich eingebildet hatte. Die besseren Tage, das seien jene gewesen, als der Franc offenbarte, was Dinge kosten, wenn sie noch nicht mit europäischem Luftgeld bezahlt werden. Es waren die Zeiten, in denen der zwei Meter hohe General einem Großteil seiner Landsleute die orthopädische Illusion einflößte, sie hätten an seiner Seite den Zweiten Weltkrieg irgendwie doch gewonnen – indessen die kommunistische Partei die analoge Suggestion verbreitete, die französischen Werktätigen hätten an der Seite des Genossen Stalin die Deutschen besiegt. Nachdem die beiden Autosuggestionssysteme, die, vom Mythos des Widerstands unterstützt, den Franzosen über zwei Generationen eine Art Halt gaben, nach 1990 restlos zerfielen, leiden unsere Nachbarn links des Rheins an kollektiven Verstimmungen. Sie leiden zunehmend in dem Maße, wie sich zeigt, dass keine Ersatz-Illusionen zur Verfügung stehen, von rachitischen Neuausgaben des "Antikapitalismus" abgesehen, verbunden mit neu-antigermanischen Agitationen. Solche gehen besonders dem Möchtegern-Diktator Mélenchon mühelos von den Lippen, einem Mann, der danach fiebert, das venezolanische Modell auf sein Land zu übertragen. In den verstimmten französischen Zuständen scheinen die Defätismen und Deklinismen der dreißiger und vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts wiederzukehren und mit ihnen die Träume von Rettung durch Flucht in die Extreme.

Das Risiko, das von Frankreichs dritter Agonie ausgeht, lässt sich zur Stunde mit Händen greifen. Gewiss, durch das weit zurückreichende Ritual der Präsidentschaftswahlen in zwei Runden ist das Land an beides gewöhnt: an den politischen Karneval in der ersten Runde und an die Rückkehr zum Ernst des vote utile in der zweiten. Diesmal könnte der Karneval mit einer bösen Überraschung enden, falls sein Resultat die Rückkehr zum ernsthaften Votum blockiert. Ein Sieg des Front National rückt in den Bereich des Denkbaren, weil die französische Linke, die mit mehreren egomanischen Kandidaten antritt, sich möglicherweise auf die Weigerung versteifen wird, aus ihrer Hollande-Enttäuschung die Konsequenzen zu ziehen. In einem Land, in dem der Ausdruck libéral noch immer ein Schimpfwort ist, könnte es dazu kommen, dass die Le-Pen-Bewegung sich dank linker Trotzreaktionen – und durch das erratische Verhalten der Wählerinnen – in der zweiten Runde eine knappe Mehrheit sichert. Falls es hierzu kommt, werden es die linken Anwärter auf den Sessel de Gaulles gewesen sein, die ihre Rolle als Agonie-Beschleuniger mit hoher Folgerichtigkeit bis zu Ende gespielt haben.

Angesichts der derben Lektionen aus Großbritannien und den USA, die jüngst einer verblüfften Mitwelt in puncto Stimmungspolitik und Massenlaune erteilt wurden, kann man auch in Frankreich eine Rückkehr zum bon sens nicht ausschließen, wie sie soeben bei den niederländischen Wahlen zu beobachten war. Käme es in der zweiten Runde zur Konfrontation von Marine Le Pen und Emmanuel Macron, müsste ein noch so desorientiertes Wählervolk auf dem linken Flügel imstande sein, über seinen Schatten zu springen und einem charismatischen Modernisierer eine Chance zu geben.