Am Ende gibt der große Meister noch einmal alles. Es sind keine 24 Stunden mehr bis zum Referendum, aber der türkische Staatspräsident Tayyip Erdoğan absolviert noch vier Auftritte in Istanbul. Sein Premierminister Yıldırım, dessen Job durch die Reformen wegfallen soll, schafft gar fünf. Er holt noch mal alle Klassiker heraus, alle bekommen ihre Abreibung, der Westen, die Feinde im Inneren und überall in der Welt. Das Volk habe jene satt, so Erdoğan, die ihm Fesseln anlegten. Da baue man eine Straße – und habe alle gegen sich: "Schreit so laut, dass euch der Westen hört, da auf der anderen Seite des Bosporus: Sagt ihr Ja dazu, ein Volk zu sein?"

Die Menge antwortet dem Meister. Dünne weibliche Stimmen rufen rhythmisch nach der Todesstrafe. Bei der Live-Übertragung des Auftritts im Stadtteil Ümraniye auf Facebook kommentiert jemand: "Du bist ganz schön müde geworden, Reis." Reis, das ist der Anführer. Und wirklich, er sieht müde aus. Denn dies hier durfte auf keinen Fall schiefgehen. Darum hat er sich so verausgabt.

Aber es ist in Wahrheit doch schiefgegangen. 51,2 Prozent der türkischen Wähler stimmten für die Verfassungsänderung, die dem Präsidenten in Zukunft nahezu uneingeschränkte Machtbefugnisse zugesteht und faktisch die Gewaltenteilung aufhebt.

Eine denkbar knappe Mehrheit – trotz all der Macht der Regierung Erdoğan, trotz ihrer gewaltigen finanziellen und medialen Überlegenheit, trotz der Repression der Kritiker, trotz der Verdrängung und Behinderung der Nein-Kampagne und trotz des Bündnisses mit den Ultranationalisten (deren Partei sich darüber zerstritt und vielleicht sogar in die Brüche gehen oder womöglich von der Erdoğan-Partei AKP absorbiert wird), trotz all der riesigen Evet-Plakate an so vielen Brücken, Häuserwänden und historischen Stadtmauern. Es reichte am Ende nur gerade so.

Beinahe die Hälfte des Landes hat bekundet, dass sie nicht einverstanden ist. Vielleicht sogar noch mehr als die Hälfte, sollten die Vorwürfe der Wahlmanipulation bestätigt werden. Das Referendum ist nicht der geplante glanzvolle Triumph geworden, kein Knock-out der als Landesverräter hingestellten Gegner, allenfalls ein Punktsieg. Dementsprechend lang waren die Gesichter auf der Siegerseite nach der Verkündung des Ergebnisses.

Ein schaler Geschmack blieb, aber es war dennoch ein Sieg. Wie wird es jetzt weitergehen? Und was bedeutet mehr Macht für den Präsidenten – und was bedeutet das für seine Gegner?

Tief im Westen und weit im Osten der Türkei war das Nein gleich deutlich

Mithat Sancar hätte wohl allen Grund, das Gesicht in tiefe Sorgenfalten zu legen. Viele führende Köpfe seiner Partei, der prokurdischen HDP, aber auch Dutzende Bürgermeister und Anhänger sitzen seit Monaten im Gefängnis. Aber der Abgeordnete empfängt in seinem Büro im türkischen Parlament in Ankara, hinter ihm ein Gemälde von Staatsgründer Atatürk, das gleiche wie in jedem Abgeordnetenbüro hier, und denkt lieber über Optionen nach, als zu verzagen. "Das Nein hat nicht verloren, und Erdoğan hat nicht gesiegt", fasst er das paradoxe Ergebnis des Referendums zusammen. "Das Land ist tief gespalten, wohl wahr. Aber bei dieser Abstimmung haben wir gesehen, dass es zugleich auch eine Brücke von Edirne bis nach Diyarbakır gibt."

Was er meint: Tief im Westen und ganz weit im Osten haben zwei Regionen der Türkei, deren Menschen nicht oft in Berührung miteinander kommen, dieselbe Entscheidung getroffen. In Edirne an der Grenze zu Europa und auf der anderen Seite in der Kurdenmetropole Diyarbakır hat das Nein deutlich gewonnen. Sancar ist eigentlich Professor für Verfassungsrecht, nebenbei übersetzt er Jürgen Habermas ins Türkische. Er weist darauf hin, wie bunt das Nein-Lager ist: Ultranationalisten, säkulare Kurden, Republikaner, Liberale, sehr fromme und nicht so fromme Muslime, Feministinnen – lauter Menschen, die sich vielleicht sonst als Gegner sehen und vollkommen unterschiedliche Ideen davon haben, in was für einer Türkei sie in Zukunft leben wollen. Sie haben einen gemeinsamen Nenner gefunden.

Ob daraus etwas entstehen kann, was politisch auch über das Nein zum Referendum hinaus brauchbar ist, ist eine andere Frage. Es hat sich aber immerhin gezeigt, dass es in allen Lagern einen Oppositionsgeist gibt. Die Regierung ist damit gescheitert, den einen Feind auszumachen. Diese Opposition hatte kaum eine Chance, aber sie hat sie genutzt: "Das neue System wird auf einem sehr dünnen Fundament stehen, und das ist ein großes Risiko für den, der es in Kraft setzt", warnt Sancar.

Ist es Zweckoptimismus, die vielen Nein-Stimmen als Kern einer neuen Opposition zu sehen? Vielleicht. Aber eine Alternative gibt es für Sancar nicht. "Politik bedeutet, immer einen Weg zu suchen, sogar im Moment von Krieg und Gewalt. Ich kann ja schlecht den Laden hier dichtmachen und sagen: Ich gehe."