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Wenn es ein Syndrom gibt, bei dem die Geiseln ein emotionales Verhältnis zum Geiselnehmer aufbauen, dann ist die Türkei ein gutes Beispiel dafür, zumindest für eine Hälfte des Landes lässt sich das sagen.

Beim Referendum wurde weniger über die Verfassung als vielmehr über Erdoğan abgestimmt. 25 Millionen Menschen stellten sich hinter ihn, aber 24 Millionen gegen ihn. Wenn Erdoğan einen Erfolg verzeichnen kann, dann den, das Land zwischen seinen Anhängern und Gegnern zwiegespalten zu haben, genau wie Trump Amerika.

Als Erdoğan am späten Sonntagabend einmal mehr als parteiischer Präsident den Balkon betrat, war von seiner früheren anmaßenden Laune nichts mehr zu spüren. Seine Miene spiegelte die Bauchschmerzen wider, den Volksentscheid, den er mit 60 Prozent zu gewinnen gehofft hatte, mit Mühe und Not gerettet zu haben. Dass es sich dabei um einen Pyrrhussieg handelt, weiß er selbst am besten.

Er hatte alle Neinsager als Terroristen bezichtigt; es muss ihm gehörig die Laune verdorben haben, zu sehen, dass das halbe Land aus "Terroristen" besteht, zu spüren, dass sie ihn beinahe gestürzt hätten, und zu wissen, dass er die Abstimmung nur gewann, weil die Wahlkommission im letzten Augenblick auch ungültige Stimmzettel zuließ.

Den ersten großen Sieg seiner politischen Karriere hatte er 1994 geholt, als er zum Bürgermeister von Istanbul gewählt worden war. In den folgenden 23 Jahren ging Istanbul ihm nie verloren, bis zum 16. April. Sonntagnacht verlor er mit Istanbul auch die Hauptstadt Ankara, die er in seiner Regierungszeit ebenfalls nie eingebüßt hatte, an das Nein-Lager. Istanbul, das ihm den ersten Triumph beschert hatte, darf nun als die Stadt registriert werden, in der sein Niedergang beginnt.

Jetzt muss er schleunigst den Haushaltshahn zudrehen, den er für seine Kampagne geöffnet hatte, und die wankende Wirtschaft stabilisieren. In der Folge werden sich die dadurch arbeitslos werdenden, über geringere Einkommen verfügenden Massen rasch von ihm abwenden. Zu den anstehenden Aufgaben für ihn gehört es nun, die Todesstrafe, deren Wiedereinführung er versprach, vergessen zu machen, die angespannten Beziehungen zum Westen in Ordnung zu bringen und die ausbleibenden Touristen zurückzugewinnen.

Mit der Meinung, die von einem repressiven Regime mit autoritärem Führer garantierte Stabilität sei besser als ein demokratisches Chaos ohne ihn, deshalb brauchten sie Erdoğan, standen die europäischen Finanzkreise aufseiten des Ja-Lagers. Einige europäische Regierungen hatten sich mit ihrem Schweigen dieser Auffassung angeschlossen und ignoriert, dass es noch eine andere Türkei über Erdoğan hinaus gibt. Nun ist die Hälfte des Landes vorgetreten mit einem deutlichen: "Wir sind auch noch da!" Sie hat sich couragiert gegen die Diktatur gestellt. Der Stimmenanteil der beiden für ein Ja eintretenden Parteien, AKP und MHP, ist gegenüber den letzten Wahlen sogar um 10 Prozent geschrumpft. Das Nein-Lager hat gesehen, dass es in der Lage ist, Erdoğan zu stoppen, wenn es nur einig ist. Stabilität ist deshalb in der Türkei nicht in Sicht.

Eine letzte Anmerkung für Deutschland: Dass der Unterschied zwischen Ja und Nein lediglich eine Million Stimmen betrug, erklärt, warum Erdoğan den Wählern in Deutschland so große Bedeutung beimaß. Zwei von drei Wählern in Deutschland haben ihn unterstützt. In den Niederlanden sogar noch mehr. Meinungsforscher sagen, dass die Krise um Auftrittsverbote vor dem Referendum in Deutschland und den Niederlanden Erdoğan Stimmen einbrachte.

Für Deutschland ist es an der Zeit, seine Türkei- und Integrationspolitik zu revidieren.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe