Man kann das Gefühl nicht beschreiben. Ich versuche es trotzdem mal. Es fängt schon mit dem Navigationsgerät an. Ohne GPS geht praktisch nichts. Und manchmal kennt nicht mal das Gerät die Adresse, weil sie noch bis vor Kurzem Sperrgebiet war. Zumindest für BesucherInnen. Und für KünstlerInnen erst recht. Die Parkplätze sind manchmal nur improvisiert, Schotterflächen. Die letzten Meter immer zu Fuß. Und plötzlich stehen sie da: Monumente aus vergangener Zeit. Sie tragen Namen wie Kraftzentrale. Mischanlage. Salzlager. Maschinenhaus. Turbinenhalle. Wörter aus einem anderen Jahrhundert.

Oft findet sich kein Staubkorn mehr, alles restauriert, renoviert, rundum geputzt. Doch an manchen Orten der Ruhrtriennale, die wir in den vergangenen drei Jahren neu entdecken konnten, stauben sogar noch Kohle und Schmutz unter den Sohlen. Fremde Orte, ferne Orte. Ehemalige Arbeitsorte. Und dann, schließlich: der Blick – hinein, hinauf. An die Decke, die Wände entlang, zurück auf den Boden, wieder nach oben, einmal um die eigene Achse, noch einmal. Weite, Größe, Tiefe. Eisenrohre und Stahlträger, Glasdächer, Backstein und Kacheln, Holzbrüstungen oder auch einfach nur Schutt, Hunderte Meter weit. Unvergleichlich.

Das ist kein Vintage-Schick. Das ist echt. Diese Hallen wurden nicht gebaut für Hochglanzfotos, fürs Vergnügen – für Kunst. Aber genau die ist es, die sie heute so sehr inspirieren. Jeden Sommer ziehen sie die besten KünstlerInnen aus aller Welt an, die an diesen Orten und für diese Orte ihre neuen Kreationen entwickeln. Großformatige Musiktheateraufführungen von Renaissance bis Avantgarde. Experimentelle Tanzprojekte. Bewegendes Schauspiel. Neuartige Kunst- und Rauminstallationen. Pulsierende Konzerte.

Es gibt für mich kein schöneres Festival als die Ruhrtriennale. Was sollte ich als Intendant auch anderes schreiben, werden Sie jetzt denken. Nein, ich meine das ernst. Wer einmal erlebt hat, wie sich in der Jahrhunderthalle Bochum im diffusen Gegenlicht der untergehenden Sonne die Klänge des exzellenten B’Rock Orchestra unter René Jacobs sanft in den Raum erheben, so wie im vergangenen Jahr bei Glucks Oper Alceste – der wird das nie vergessen. Wer mit kleinen Schritten vorsichtig und andächtig zugleich durch den weißen Nebel einer realen Wasserstoffwolke geschritten ist, wie 2015 in der Duisburger Kraftzentrale, um anschließend seinen Platz einzunehmen in einem Holzlabyrinth, umgeben von deckenhohen Baugerüsten, in denen von vier Seiten MusikerInnen, SängerInnen und DirigentInnen Luigi Nonos Prometeo interpretieren – der wird das nicht vergessen. Wer erlebt hat, wie zur zart gesungenen Fantasiesprache von Claude Vivier der rund 40 Meter breite und 15 Meter hohe Rücklader, eine futuristisch anmutende kolossale Kohlenmischmaschine, mehr als einhundert Meter in Zeitlupe in die Raumtiefe der Marler Kohlenmischhalle entrückt, wie in unserer Musiktheater-Uraufführung Die Fremden 2016 – ja, der wird das nicht vergessen. Und alles das ist unnachahmlich. Es ist nur möglich an diesen Orten, an sechs oder sieben Abenden. Bei der Ruhrtriennale.

Festivals sind immer Ausnahmesituationen. Die Ruhrtriennale ist es doppelt und dreifach. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich habe das alles, seit der Gründung 2002, mehrfach mitgemacht – erst als Regisseur, in den vergangenen zwei Jahren dann auch als Intendant. Bei den meisten Aufführungen, die hier zu sehen sind, handelt es sich nicht um Tournee-Produktionen des globalen Festival-Zirkus, sondern um Weltpremieren, die hier entstehen und sich speziell auf die Spielorte einlassen. Die Architektur des Industriezeitalters spielt mit, das gelebte Leben von Tausenden Arbeitern, die harten Erfahrungen von Aufstieg und Abstieg und Neubeginn des Ruhrgebiets, sie spielen mit. Die Geschichte der Orte ist stärker als die Geschichten, die wir Künstler erzählen, sage ich oft. Und genau dieses Aufeinandertreffen erzeugt eine Kraft, wie ich sie nur von hier kenne.

Auch deshalb war es mir wichtig, während meiner dreijährigen Intendanz auf die Suche nach neuen Spielorten zu gehen. Die noch rau sind, die noch keine Prosecco-Infrastruktur kennen. Wir haben sie gefunden. 2015 in Dinslaken die Kohlenmischhalle der Zeche Lohberg. 2016 die Kohlenmischhalle der Zeche Auguste Victoria in Marl, die erst wenige Monate vor Probenbeginn geschlossen wurde, als vorletzte Zeche im Ruhrgebiet – ein durchaus zwiespältiges Gefühl für uns. Und auch dieses Jahr kommt noch mal eine neue Halle dazu, die Zentralwerkstatt in Dinslaken-Lohberg. Was die amerikanische Choreografin Meg Stuart hier kreieren wird, ist Ruhrtriennale at its best. Sie wird mit ihrem Ensemble etliche Wochen an diesem Ort verbringen, sie wird ihn, seine Architektur, seine Töne, die Nachbarschaft, all das, in sich aufsaugen und in eine neuartige Kreation einfließen lassen. So auch der Titel: Projecting [Space[ (auf Deutsch ungefähr: den Raum zu einem Projekt machen). Was genau das am Ende wird? Wir wissen es noch nicht. Und das finde ich wunderbar.

Die Ruhrtriennale ist für mich immer auch ein Abenteuer. Dinslaken-Lohberg ist so ein Beispiel. Vor meiner Intendanz war das Festival hier, am Rand des Ruhrgebiets, nie. Die Stadt hat 70.000 EinwohnerInnen, das ist, verglichen mit anderen Städten wie Bochum, Essen oder Duisburg, nicht viel. Ganz ehrlich, kaum einer hatte Dinslaken im Kopf – ehe just jener Stadtteil Lohberg traurige Berühmtheit erlangte als "Salafisten-Hochburg". Als wir 2015 dort buchstäblich unsere Zelte aufschlugen, um in der ehemaligen Zeche mit Accattone meine Intendanz zu eröffnen, wurden wir schräg angeguckt: Soso, jetzt kommt also die Kultur, und was haben wir, die Bevölkerung, davon?!

Ich hatte hitzige, aber faire Diskussionen mit BewohnerInnen und PolitikerInnen vor Ort. Wir haben viele Angebote zum gegenseitigen Kennenlernen gemacht. Und wir haben versprochen wiederzukommen. Was wir getan haben: 2016 mit URBAN PRAYERS RUHR, einem Oratorium der Gläubigen, mit dem wir im ganzen Ruhrgebiet in Gotteshäusern zu Gast waren – vielleicht das in der Region am stärksten wahrgenommene Projekt meiner Intendanz. Und jetzt, 2017, noch einmal Dinslaken mit einer Tanz-Uraufführung.

Das ist auch das Besondere der Ruhrtriennale: Wir bespielen ein ganzes Gebiet, ungezählte Autobahnkilometer und Busfahrtstunden inklusive. Wir haben es geschafft, vor der Jahrhunderthalle Bochum mit einem Kunstdorf von Atelier Van Lieshout, das sich jedes Jahr verändert, ein inoffizielles Festivalzentrum zu etablieren. Auch Teodor Currentzis, der berühmte Dirigent aus Perm, hat hier mit BesucherInnen Nächte durchgefeiert. Und auch das bedeutet "Seid umschlungen" – mein Leitmotiv dieser drei Jahre.

Wir umarmen das Ruhrgebiet geografisch, von Dortmund bis Dinslaken. Wir umarmen es künstlerisch, von Raummusik-Konzerten wie Stockhausens Carré bis zu Guerillakonzerten in der Fußgängerzone. Und wir umarmen es politisch, mit Themen, die auch in der Region verankert sind, und viel Gratiskunst. Hierzu gehören dieses Jahr nicht nur sechs Wochen Programm im Festivalzentrum, sondern auch große Video- und Rauminstallationen wie Euphoria von Julian Rosefeldt in Bochum und White Circle von raster-noton in Duisburg. Meine Ruhrtriennale sollte immer ein Festival sein für Kunst von höchster Qualität, aber mit offenen Armen für alle.

Was wird also am Ende bleiben, am Ende meiner drei Jahre Ruhrtriennale? Hoffentlich ein anderes Bewusstsein. Neue Erkenntnisse. Und viele unvergleichliche Erinnerungen. Vielleicht an das Gefühl, elf Stunden Schauspiel-Trilogie Liebe + Geld + Hunger nach Émile Zola, in der Regie von Luk Perceval, durchlebt zu haben, wie dieses Jahr in der Duisburger Gießhalle. Vielleicht an den irren Klang eines Elementarteilchens in der Musiktheater-Uraufführung Kein Licht. von Philippe Manoury und Nicolas Stemann. Vielleicht auch an das gespenstisch schöne Bild vom Fegefeuer-Schlund in Richard Siegals choreografischer Dante-Trilogie. Vielleicht an den Sopran von Barbara Hannigan als Mélisande unter dem Dach der Bochumer Jahrhunderthalle. Vielleicht an viertausend tanzende Menschen bei Ritournelle, unserer langen Nacht der elektronischen Popmusik.

Und vielleicht bleibt auch die Erinnerung an diese Schritte, die letzten auf dem Weg vom Auto durchs Foyer über die Schwelle – hinein in einen unbekannten Raum, in dem sich Arbeit und Kunst, Industrie und Inspiration vereinen.

Die Ruhrtriennale 2017 findet vom 18. August bis zum 30. September an zwölf Schauplätzen statt. Infos unter www.ruhrtriennale.de