Es ist nur ein kleiner Ausschnitt der seit Kindertagen währenden Freundschaft zwischen der Schriftstellerin Márta Horváth und der Lehrerin Johanna Messner, den Zsuzsa Bánk in Schlafen werden wir später zu einem modernen, im Digitalen beheimateten Briefroman werden lässt. Und dennoch handelt es sich nicht nur um ein gewaltiges Konvolut von E-Mails, die in etwas mehr als drei Jahren zwischen einem kleinen Häuschen im Schwarzwald, wohin es Johanna verschlagen hat, und einer Erdgeschosswohnung in Frankfurt am Main gewechselt werden. Was wir auf den beinahe 700 Seiten dieses Romans lesen – nein, wovon wir auf sanft leuchtenden Textschwingen getragen werden –, ist eine poetisch dichte und dennoch trotz des melancholischen Grundtons beglückend leichtfüßige, wortschöpfungsgesättigte Erkundung, Hinterfragung und Offenlegung weiblicher Befindlichkeit (auch Empfindlichkeit), die umso rigoroser ins Bewusstsein zu rücken pflegt nach jener biografischen Zäsur, die der Anbruch des fünften Lebensjahrzehnts setzt.

Johanna und Márta verkörpern zwei entgegengesetzte Lebensentwürfe: Márta versucht dem Alltag mit drei Kindern zumindest ein wenig Zeit abzutrotzen, um ihren Erzählungsband zu schreiben, derweil sich ihr Mann Simon, ein exaltierter, mitunter cholerischer Reisejournalist und Theaterautor, seine Freiräume mit aller Selbstverständlichkeit zu nehmen weiß. Immer wieder muss Márta sich anhören, dass er sie schon längst verlassen hätte, gäbe es die Kinder nicht. Trotz allem versucht sie das fragile familiäre Gerüst vor dem Zusammenbruch zu bewahren.

Johanna hingegen, kinderlos, lebt allein, seit ihre große Liebe Markus gegangen ist. Von einer zurückliegenden Brustkrebserkrankung ist nicht nur eine körperliche Narbe geblieben, sondern das dunkle Wissen um die Todesnähe. Es überrascht nicht, dass sie, die ein leises, überschattetes Leben führt, neben ihrer Anstellung als Lehrerin an einer Dissertation ausgerechnet über Annette von Droste-Hülshoff arbeitet. Eigentlich hat jeweils die eine Freundin das, was die andere begehrt: vermeintliche Freiheit hier, scheinbares Aufgehobensein dort. Missgunst indes wird man auch zwischen den Zeilen vergebens suchen.

Aber was heißt das überhaupt: Lebensentwürfe? Als ob man all das genau so geplant hätte. Vieles widerfährt einem schließlich, ohne dass man den Moment markieren könnte, in dem sich etwas Zufälliges in unabänderlich Gesetztes verwandelt hat. Ja, es mag wie eine Binsenweisheit anmuten. Aber, verflucht noch mal, irgendwann um den vierzigsten Geburtstag tritt eben die Gewissheit ein, dass nicht nur die körperliche Dehnbarkeit nachlässt, sondern auch die der biografischen Möglichkeiten. Mit welchen Aussichten, mit welcher Energie schaut man auf die folgenden Jahre, wenn man doch eigentlich schon erschöpft ist, durch Kinder, durch Krankheit, durch enttäuschte Liebe? Schlafen – später, später, schreiben Márta und Johanna regelmäßig beschwörend, als könne eine kurze Unachtsamkeit sie endgültig aus dem Tritt bringen.

Die kranken Kinder, der ewige Geldmangel bei Márta, bei Johanna die immer gleichen Klausuren, die zu korrigieren sind, oder ihr Aushelfen im Blumenladen einer weiteren Freundin, das vor allem eine Flucht vor der eigenen Einsamkeit ist: All diese alltäglichen Profanitäten fließen ein in diesen Mail-Wechsel, auch in ihrer zwangsläufigen Wiederholung. Die wundersame Kunst von Zsuzsa Bánk besteht darin, dass sie Márta und Johanna in einer bewusst alltagsfernen, mit literarischen Zitaten wie mit feinem Faden durchwebten Sprache erzählen lässt. Das Register, das sich zu Schlafen werden wir später erstellen ließe, wäre ausufernd und zöge sich einmal durch die Literaturgeschichte.

Eine romantische Poetisierung des Daseins mithin, um es auf diese Weise zu veredeln und es über sich selbst zu erheben? Nicht unbedingt. Vielmehr schaffen sich die beiden Freundinnen einen Raum, in dem sie sich entgegen allen Zwängen und Notwendigkeiten, die außerhalb herrschen, Zeit füreinander und für sich selbst nehmen. Ein Refugium, das wie ein Balsam wirkt, der sich über das Außen legt. Ein Zeitfenster ist das, das insbesondere für Márta eigentlich gar nicht existiert zwischen Mutter- und Schriftstellerinnenpflichten, das aber wie von Zauberhand aufklappt, wenn im Morgengrauen oder in den letzten Minuten vor dem Schlaf ein paar Gedanken zur Freundin geschickt oder von ihr empfangen werden.

Nicht nur, weil das Buch, an dem Márta schreibt, Das andere Zimmer heißt und sie selbst immer wieder einen Raum sucht, in dem sie ihr Schreiben verwirklichen kann, ist der wesentliche Text, der als Pate hinter diesem Roman steht, kaum zu übersehen: Virginia Woolfs Ein Zimmer für sich allein, dieser Urtext feministischer Selbstvergewisserung, den der Briefroman Schlafen werden wir später auf unprätentiöse Weise fortschreibt.

Die Schriftstellerin Zsuzsa Bánk öffnet darin einen Horizont, der weit über das hinausgeht, was sich in den drei Jahren des E-Mail-Wechsels ereignet, und der zurückreicht bis zum Aufwachsen Johannas als Kind einer emotional verwahrlosten Künstlerehe und bis in die ungarische Vergangenheit Mártas, die eher einem intakten Sehnsuchtsort gleichkommt. Irgendwo auf dem Weg zwischen damals und heute gehen die geliebten Männer verloren. Vielleicht deshalb umso eindringlicher ist Zsuzsa Bánks Roman eine sprachsprühende Feier der Freundschaft und der Literatur, dieser beiden lebensrettenden Anker.

Zsuzsa Bánk: Schlafen werden wir später. Roman; S. Fischer, Frankfurt a. M. 2017; 688 S., 24,– €, E-Book 19,99 €