Wer Pisa hört, der denkt an mathematische Formeln, anspruchsvolle Physik-Experimente und Lesetexte, die es in sich haben. Manche denken auch an "Testeritis" oder "Bulimie-Lernen", weil sie meinen, der alle drei Jahre stattfindende internationale Leistungsvergleich habe die Aufmerksamkeit zu stark auf die rein kognitiven Leistungen von Kindern und Jugendlichen gelegt – und dabei vergessen, zu fragen, wie es den Schülern eigentlich wirklich geht. Wie kommen sie mit ihren Lehrern klar, mit ihren Mitschülern und Eltern? Wie zufrieden sind sie mit ihrem Leben? Was wollen sie erreichen, was macht ihnen Angst? Fragen, die die Pisa-Forscher nun zum ersten Mal allen 15-Jährigen gestellt haben, die sich 2015 weltweit durch den Leistungstest quälen mussten. Mehr als 500 Seiten umfasst die gerade veröffentlichte Auswertung der Antworten.

Die gute Nachricht: Im OECD-Durchschnitt ist das Wohlbefinden unter Schülern groß. Nur rund 12 Prozent geben an, nicht zufrieden zu sein. In Deutschland sind Jungs zufriedener als Mädchen. Dass Länder, die für ihre hohen Pisa-Leistungen bekannt sind, auch besonders zufriedene Schüler haben, ist nicht selbstverständlich, gilt jedoch für Finnland, die Schweiz und die Niederlande – aber zum Beispiel nicht für Korea, Hongkong oder Japan. Was Schüler auf der ganzen Welt bewegt, ist die Angst vor Leistungstests. So berichten im Durchschnitt 64 Prozent der Mädchen und 47 Prozent der Jungen, dass sie sehr ängstlich vor Tests sind, selbst wenn sie sich gut vorbereitet fühlen. Angst und Nervosität beeinflussen Leistungen und Zufriedenheit negativ. Dabei fühlen sich schwächere Schüler noch mehr unter Druck gesetzt als die leistungsstarken, gerade hierzulande.

Lehrer können viel dafür tun, solche Schulsorgen zu reduzieren. Mit Unterstützung, Fairness, Zuwendung. Schüler brauchen das Gefühl, dass der Lehrer einen realistischen Blick auf ihre Leistungen hat. Traut einem der Lehrer eine gute Note zu, dann wird diese auch wahrscheinlicher. "Mich hat überrascht, dass die Qualität der Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern, aber auch zwischen Eltern und Kindern einen so viel stärkeren Einfluss auf das Wohlbefinden und die Schülerleistungen haben als die meisten Schulfaktoren", sagt Andreas Schleicher, Koordinator der internationalen Pisa-Studie und Direktor des Direktorats Bildung bei der OECD.

Schleicher empfiehlt den Schulen, die Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule zu stärken. Lehrer hätten gerade in Deutschland hohe Stundendeputate, sagt er. "Darüber hinaus muss ausreichend Zeit bleiben, sich für die Bedürfnisse der Kinder einzusetzen." Das sei genauso wichtig wie Eltern, die mit ihren Kindern reden. Väter und Mütter, die sich dafür Zeit nehmen, haben Kinder, die mit 60 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit zufrieden sind mit ihrem Leben. Manchmal führen große Studien zu ganz simplen Lösungen, die, wie in diesem Fall, nicht einmal etwas kosten: Es braucht nicht mehr als ein bisschen Zeit, um Schüler glücklich zu machen.