Wo sonst ist das möglich: dass sich sogar Pazifisten mit ihren Schießkenntnissen brüsten. Zum Beispiel Jo Lang. Der grüne Friedenspolitiker gehört zu den schärfsten Armeekritikern, hat die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) mitgegründet, kämpft und schreibt gegen Rüstungsexporte an, wann immer sich die Gelegenheit dazu bietet. Wird er aber in einer Diskussionsrunde am Radio zur Verschärfung des Waffenrechtes von der Moderatorin gefragt, wie er es selber mit Waffen halte, dann sagt Lang Erstaunliches. Nein, in seinem Kleiderschrank stehe keine Waffe, das nicht. Die habe er am Ende seiner Dienstzeit in der Armee zurückgelassen, sagt er. Aber dann schiebt er ungefragt nach: "Ich war sogar ein guter Schütze. Ich konnte häufig früher von der RS nach Hause, weil ich gut geschossen hatte."

Ein Pazifist und ein guter Schütze? Das gibt es vermutlich nur in der Schweiz.

Denn Schweizer sein, das heißt seit 143 Jahren ein Schütze sein.

1874 ist es, da wird mit der ersten Totalrevision der Bundesverfassung das Militär zur Bundessache erklärt. Bis anhin stellt jeder Kanton, je nach Größe, einen Teil des Heeres. Mancherorts waren 30 Prozent der Männer wehrpflichtig, andernorts waren es 70 Prozent. Wer zahlungskräftig war und nicht eingezogen werden wollte, der ließ sich durch einen Söldner vertreten.

Damit war nun Schluss. Soldat kann nur noch sein, wer Staatsbürger ist – und umgekehrt. Das heißt: Seine staatsbürgerlichen Rechte erhält nur, wer Soldat, also ein Mann ist. Noch 1932 argumentierte ein Rechtsprofessor in einem Gutachten, das den Anspruch der Schweizer Frauen auf die politische Gleichberechtigung klären sollte: "Das Stimmrecht ist das Korrelat zur Wehrpflicht." So gelang es, Gewehr bei Fuß, der Hälfte der Bevölkerung die Teilhabe an der Demokratie für weitere vier Jahrzehnte zu verweigern.

1874 also wird die Allgemeine Wehrpflicht eingeführt und die Schweiz zu einer nation armée . Die Idee: Nicht eine kleine, komplizierte Armee sollte das Land repräsentieren und verteidigen, schreibt der Historiker Rudolf Jaun in seinem Aufsatz Vom Bürger-Militär zum Soldaten-Militär , sondern die Nation sollte "als Ganze die nationale Streitkraft bilden: Durch eine flächendeckende Bewaffnung des (Männer-)Volkes würden Streitkraft und Nation ineinander aufgehen". Die künftigen Soldaten mussten rechtzeitig auf den richtigen Pfad gebracht werden. Also wurden die Kantone dazu verpflichtet, die männliche Jugend vom zehnten Altersjahr bis zum Austritt aus der Primarschule "durch einen angemessenen Turnunterricht auf den Militärdienst vorzubereiten". Turnen war fortan "aufs Engste mit den Formen militärischer Körperkultur" verknüpft, schreibt Jaun, die militärische Ausbildung wird zur "Schule der Nation". Davon zeugen bis heute die Kletterstangen in den Turnhallen: Ab 1943 war das schnelle Erklimmen der Fünf-Meter-Gerüste eine Disziplin in der militärischen Aushebung. Seit die Übung nach der Jahrtausendwende gestrichen wurde, verschwanden auch die Stangen aus den Turnhallen und von den Pausenplätzen.

Die Vorstellung, dass in der Armee der gesamte Volkskörper – bestehend aus den bewaffneten Soldaten – fassbar wird, bleibt bis in die jüngste Zeit gegenwärtig. Noch in seiner Botschaft zur Armeeabschaffungsinitiative schreibt der Bundesrat 1988: "Das Wort 'die Schweiz hat keine Armee, sie ist eine Armee' beschreibt eine Realität, die im Ausland immer wieder Bewunderung erweckt."