Wie kann das sein? Von diesem Lebensmittel verbraucht jeder Deutsche im Durchschnitt 60 Kilogramm im Jahr. So viel wie die Jahresration aller Obstsorten zusammen, mehr als Kartoffeln (56 Kilo) oder Brot (54 Kilo). Soja – aber auf dem Acker würde kaum jemand die unscheinbare Hülsenfrucht erkennen. Im Laden sind ihre kleinen gelblichen Samen fast nirgendwo zu bekommen. Und die "Sojasprossen" im Regal sind gar keine, es handelt sich bei ihnen um Keimlinge der Mungobohne.

Ohne es zu merken, sind wir zu Soja-Junkies geworden. Unsere Sucht befriedigen wir indirekt mit Fleisch, Eiern und Milchprodukten. Und wer über die Feiertage einen Osterhasen in buntem Aluminiumpapier genossen hat, verspeiste höchstwahrscheinlich Lecithin aus Soja, das vielen Schokoladen als Emulgator beigemischt wird. In jedem Supermarkt liegen Tofu, Sojadrinks und Sojawurst in den Regalen mit vegetarischen Lebensmitteln; Sojaöl schwappt als Biodieselanteil im Autotank, steckt in Mayonnaise, Frittieröl und ist in Fertiglebensmitteln nahezu allgegenwärtig. Doch mehr als 80 Prozent des in Deutschland verbrauchten Soja landen als Kraftfutter im Tiermagen.

Diese Hülsenfrucht, die alle Vegetarier lieben und viele Diät-Ratgeber loben, die Kämpfer gegen den Welthunger regelrecht vergöttern, sie ist zugleich das Lebenselixier der Viehzüchter in der globalen Fleischbranche. Und auf ihr ruht ein bedeutender Teil der Chemieindustrie. Die Sucht nach dieser widersprüchlichen Pflanze hat den gesamten Globus im Griff, sie ist eng mit der Weltgeschichte der vergangenen anderthalb Jahrhunderte verwoben – und ihre problematische Gegenwart zeigt: Wir sollten uns auf den Entzug vorbereiten.

Das Verlangen nach ihr ist plausibel, denn Soja ist das Multitalent unter den Nutzpflanzen. Kartoffeln, Weizen oder Reis liefern vor allem Stärke. Zuckerrohr und Zuckerrübe enthalten Zucker. In Linsen, Erbsen und Erdnüssen steckt vor allem Eiweiß, in Raps und Sonnenblumen Öl. Nur Soja bietet alles gleichzeitig in einer einmaligen Kombination: 40 Prozent Eiweiß, 25 Prozent Kohlenhydrate, 20 Prozent Fett und 5 Prozent Mineralstoffe. Außerdem sind die Samen reich an Vitaminen und Lecithin, und Sojaöl hat einen besonders hohen Gehalt mehrfach ungesättigter Fettsäuren.

Diese wertvollen Inhaltsstoffe nähren eine ganze Branche. Mitten im Hamburger Hafen liegt ihre Deutschland-Zentrale. Direkt unter der Köhlbrandbrücke belegt das Firmengelände eine komplette Halbinsel. 1910 als Oelmühle Hamburg gegründet, gehört das Unternehmen seit 1994 zur Archer-Daniels-Midland-Gruppe (ADM) – einem der vier weltgrößten Sojaunternehmen: ADM, Bunge, Cargill, Dreyfus. Rund 3,7 Millionen Tonnen Sojabohnen im Jahr verarbeitet ADM an drei Standorten in Deutschland, Hamburg ist der größte. Hier werden die Samen gereinigt, zerkleinert und erhitzt. Das ergibt 760 Millionen Liter Sojaöl, ein begehrter Rohstoff für die Oleochemie. "Jeder kennt die Petrochemie, aber Oleochemie muss ich oft erst mal buchstabieren", sagt Renate Polster, Geschäftsleiterin der Firma Hobum Oleochemicals, gleich um die Ecke. Das Öl mit seinen langen Molekülketten eignet sich gut zur Herstellung von Tensiden für Waschmittel. Es werden Weichmacher für Vinyltapeten, Klarsichtfolien, Lacke oder Kronkorkendichtungen daraus. Aus den Schalen, dem Abfall der Ölherstellung, wird "Sojaseide" gewonnen – eine vegane Alternative zu Wolle oder Seide. Und wer diesen Text auf einer Zeitungsseite liest, blickt auf Sojaöl als Bestandteil der bunten Druckfarben. Soja in der Chemie, als Viehfutter, im Essen, das war nicht immer so.

Als die Sojabohne im 19. Jahrhundert erstmals aus Ostasien in die USA gelangte, bauten Farmer sie als Gründünger an. Denn anders als die meisten Pflanzen sind Leguminosen wie die Sojabohne nicht auf Stickstoff im Boden angewiesen. An ihren Wurzeln siedeln Bakterien, die Stickstoff direkt aus der Luft aufnehmen. So verbessert Soja in der Fruchtfolge den Boden. Erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts schoss die weltweite Erntemenge dann um sagenhafte 5.000 Prozent in die Höhe, von sechs auf über 300 Millionen Tonnen im Jahr. "Kein Agrarprodukt hat jemals ähnlich dramatische Wachstumsraten erreicht wie der weltweite Sojaanbau", schreiben William Shurtleff und Akiko Aoyagi in ihrer mehr als 2.500 Seiten umfassenden Geschichte des Soja.

Die Wunderbohne erwies sich als idealer Begleiter für die moderne Industriegesellschaft. Die Unternehmen verlangten nach gut und günstig ernährten Arbeitskräften, die Landwirtschaft nach Dünger, die Viehzucht nach Futter, Chemiefabriken und Verbrennungsmotoren schließlich brauchten immer mehr billiges Öl. All das hatte die unscheinbare Sojabohne zu bieten.

Entscheidend wurde sie im Krieg.