Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Berlin. © Christine Oppe

Es hätte mir schlecht gehen müssen nach dem Rückfall. Aber es ging mir gut, wider Erwarten", sagt der, der da zufällig neben mir an der Bar hockt. In meiner Kneipe ist nicht von Trunksucht die Rede, sondern von Spielsucht. "Ich brauche meine Verzweiflung", höre ich da und kann nicht weghören. "Seit ich mir meine Abstürze nicht mehr verbiete, sondern ausschleudern kann an meine Seelenränder, bin ich wieder komplett, rund und ganz. Ich brauche die Zerknirschung und die Auferstehung als erlöster Sünder. Ein ganzes Jahr hab ich durchgehalten und mir meine Sucht verboten, ein Jahr lang war ich ein braver Junge. Jetzt will ich einfach wieder erwachsen sein. Destruktiv, böse, schuldig. Ohne gegen das Gesetz zu verstoßen. Ich kann meinen Teufel nicht auf Dauer aussperren, er gehört zu mir und will gelebt sein, denn er ist hier drin!"

Jetzt schlägt er sich an die Brust, als wäre er stolz auf seinen Innenteufel. "Ich muss halt aufpassen", sagt er leise und nuckelt am Bier, "ich muss aufpassen, dass nicht wieder mein ganzes Gefühlsleben in der Spielhalle stattfindet, wenn ich mich dort austobe, ausfreue, ausleide. Wenn sich das ganze innere Auf und Ab dort abspielt und nichts mehr übrig bleibt für das – nun ja – das richtige Leben, das ich ja auch noch habe. Im richtigen Leben können wir uns eben nicht mehr ausleben, wir Männer, uns fehlt das Abenteuer: 'Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein.'"

– "Der Ersatz ist leichter zu haben. Doch er sättigt nicht. Man braucht immer mehr davon, und fürs richtige Leben bleibt am Ende nichts mehr übrig: kein Geld, keine Kraft, kein Gefühl." Unser Kneipier weiß offenbar, wovon er spricht. "So allgemein stimmt das wohl, aber dein Satz hilft keinem, der süchtig ist", gebe ich zu bedenken. Da wird der Kneipier konkreter: "Am Wochenende hab ich mit meinem großen Jungen das Boot überführt, wir waren zwei Tage zusammen auf dem Wasser, wie früher; er ist jetzt Ende 20. Ich weiß, dass er etwas raucht, was kein Tabak ist, und er weiß, dass ich Angst davor habe. Also hat er die zwei Tage nichts geraucht, meinetwegen. Das Blöde daran war nur, dass er ohne das Zeug gar nicht voll da war. Seltsam apathisch. Der hat sich daran gewöhnt, dass er alles mit dem Zeug erlebt und nichts mehr ohne. Es war wirklich eine rasante Segeltour mit allen Schikanen, aber für ihn lief das ab, als wäre er nicht dabei …"

– "Ich komm grad von der Generalprobe meiner Tochter", mischt sich nun ein Vierter ein. "Sie machen da so eine Passion im Kirchenchor. Nach diesen anderthalb Stunden in der Kirche kann ich nicht sagen, dass mir noch etwas fehlen würde zu meinem Männerglück."