In ihrer Steuererklärung sind die Deutschen ein Volk der Superreichen. Mehr als jeder elfte Arbeitnehmer – das hat jetzt eine Studie ergeben – verdient so viel Geld, dass er den höchsten regulären Steuersatz bezahlen muss, 42 Prozent.

Klingt zu schön, um wahr zu sein? Ist es auch. Denn der Spitzensteuersatz greift in Deutschland längst nicht mehr nur bei Spitzeneinkommen. Er wird vielmehr bereits bei einem Einkommen von 54.000 Euro jährlich fällig. Das ist ohne Frage eine Menge Geld, reicht aber in Deutschland sicher nicht für ein Leben im Luxus.

Wenn das Finanzamt bei rund 4,2 Millionen Deutschen mit voller Härte zuschlägt, dann führt das die Idee des Spitzensteuersatzes als einer Spezialabgabe für die wirklich Reichen ad absurdum. Es untergräbt auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt: Wird ein Facharbeiter genauso behandelt wie ein Manager, dann wird dies weder dem Facharbeiter noch dem Manager gerecht.

Dieses Missverhältnis ist auch eine Folge des Wirtschaftsbooms, den Deutschland seit Jahren erlebt. Er führt dazu, dass die Preise und die Löhne kontinuierlich steigen. Doch während sich die Kanzlerin für den Aufschwung gern feiern lässt, tut sie wenig dafür, dass er allen zugutekommt. Dies würde bedeuten: die Steuertarife an die Lohnentwicklung anzupassen.

Immerhin scheint der allmählich anlaufende Bundestagswahlkampf etwas Bewegung in die Sache zu bringen. Die FDP will die Steuern für die Mittelschicht senken, die Linkspartei will "die Reichen" belasten, Union und Sozialdemokraten sind noch dabei, herauszufinden, was sie wollen.

Wie wäre es mit einer Kombination aus höheren Steuern für die Reichen und niedrigeren Steuern für die Mittelschicht? Dadurch könnte auch das Risiko minimiert werden, dass dem Staat angesichts der gewaltigen Zukunftsaufgaben das Geld ausgeht. In den neunziger Jahren lag der Spitzensteuersatz noch bei 53 Prozent, fällig wurde er aber erst ab einem Einkommen von – umgerechnet – rund 84.000 Euro. Der Kanzler hieß damals Helmut Kohl. Und unter dem war ja auch nicht alles schlecht.

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