Zwei Männer sitzen in einem Konferenzraum. Der eine 78, der andere 39. Der ältere hat eine Lehre als Autoschlosser gemacht und jahrzehntelang im Hafen gearbeitet, der jüngere hat Kunstgeschichte studiert und eine Doktorarbeit geschrieben. Der ältere lebt bei Lüneburg, auf dem Land, der jüngere in Hamburg, in der Stadt. Zwei Männer, die sich erst seit ein paar Tagen kennen und eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Gäbe es da nicht ein kleines Motiv auf dem Unterarm des älteren Mannes. Gäbe es da nicht ein Album mit dem Motiv auf dem Unterarm, das der Kunsthistoriker nur mit weißen Stoffhandschuhen anfasst. Gäbe es da nicht eine weltweite Szene, die den Hamburger Künstler, der das Motiv geschaffen hat, als Ikone feiert.

Das Tattoo

Peter Neumanns Haut wirft Falten. Es ist die Haut eines alten Mannes, die gezeichnet ist, wenige Zentimeter unter dem Ellenbogen. Eine Schwalbe ist dort zu sehen, darunter eine Banderole, in der "Hamburg" steht, darunter eine Blüte. Das Gezeichnete war mal bunt, die Farben sind ausgewaschen. Was geblieben ist, sind Linien, feine klare Kanten. Sie waren mal schwarz, sind jetzt graublau.

Der Tätowierte

"Mein Name ist Peter Neumann", sagt der Ältere, "geboren während des Krieges im Marienkrankenhaus St. Georg, wir lebten damals in Rothenburgsort. Als ich vier war, zogen wir nach Finkenwerder. Jeden Morgen fuhr ich mit dem Dampfer über die Elbe, erst zur Schule, dann zur Werkstatt. Später ging ich zum Bund in Munster, Niedersachsen, 120 D-Mark war mein Sold. Als ich einmal meine Eltern besuchte, las ich im Hamburger Abendblatt, dass es in der Nähe der Reeperbahn einen Tätowierer gibt, so modern, dass das Tätowieren nicht mehr weh tut. Ich war 22, 23, konnte vor Kraft nicht gehen, ich dachte: Das muss ich ausprobieren. Ich ging also hin, Clemens-Schulz-Straße, guten Tag, ich hätte gerne ein Tattoo. Eine Frau schaute mich an, schaute in den Laden, dort saß ein älterer Herr, sein Kopf nickte gerade nach unten. Tut mir leid, sagte die Frau, Vatter schläft, den kann ich nicht wecken, bitte kommen Sie ein anderes Mal wieder. Ich kam wieder, diesmal war der ältere Herr wach, aber er hatte Husten. Wenn ich ’nen Anfall kriege und die Nadel verreiße, hast du einen Strich auf dem Arm, den du nicht willst, sagte er. Komm besser ein anderes Mal wieder. Ich kam wieder, da gab er mir ein Album, ich blätterte und suchte ein Motiv aus, dann setzte ich mich auf den Stuhl. Erst Schablone auf den Arm, Konturen zeichnen. Anschließend die Striche mit der Tätowiermaschine in der Haut verankern. Ich hab keinen Mucks gemacht, aber mit der anderen Hand umklammerte ich ein Bein des Stuhls. Dann kam die Farbe, dazu wechselte er den Kopf der Maschine. Sieben Nadeln statt drei, um eine größere Fläche abzudecken. Das Gerät war irre laut. Nach einer halben Stunde war er fertig. Und ich auch. 3,50 Mark hat der Spaß gekostet."

Der Forscher

"Meine Doktorarbeit habe ich über den menschlichen Körper als Bildträger für Tätowierungen geschrieben", sagt Ole Wittmann. "Das zentrale Werk war von Damien Hirst, ein Schmetterling auf einer Vulva. Ich habe mich mit der Ikonografie des Schmetterlings beschäftigt, in der bildenden Kunst und in der Tätowierung. Da fand ich heraus, dass der Hamburger Tätowierer Christian Warlich prägende Darstellungen des Schmetterlings gezeichnet und tätowiert hat. Warlich interessierte mich. Ich ging in das Museum für Hamburgische Geschichte, wo sein Nachlass liegt, und war total beeindruckt. Diese Motive! Diese Farben! Als meine Doktorarbeit fertig war, bewarb ich mich für ein Forschungsprojekt, ich wollte den Nachlass sichten, ordnen und über Warlich schreiben. Das Projekt wurde bewilligt, seit 2015 arbeite ich daran. Ich habe drei Sammler gefunden, die Warlich-Objekte haben, Zeichnungen, Maschinen, Fotos, Briefe. Ich will mir alles ansehen und ein Buch über Warlich herausbringen, über den ersten professionellen Tätowierer Deutschlands."

Der Tätowierer

Christian Warlich wurde 1891 in Hannover geboren. Schon als Teenager, wahrscheinlich mit 14, begann er mit dem Tätowieren. Er arbeitete mit Handnadeln und mit Tinte, wie Ole Wittmann herausfand. Warlich fuhr zur See, als Heizer auf Passagierschiffen nach New York. 1919 zog er nach Hamburg, eröffnete eine Kneipe an der Stelle, wo heute Toom Peerstall ist. Er teilte den Raum ein: rechts die Gastwirtschaft, links das Tattoo-Studio, abgetrennt nur durch einen Vorhang. Im Schaufenster zeigte er seine Motive und machte Werbung für sich. "Er ist da – Der König der Tätowierer" stand auf einem Plakat. Warlich trug Hemd, Strickjacke, Schlips und eine dicke Hornbrille, so ist es zu sehen in einem kurzen Film, der in den Fünfzigern über ihn gedreht wurde. Er arbeitete über vierzig Jahre in der Gaststätte, bis zu seinem letzten Tag. Drei Dinge machten Warlich zu einem weltweit herausragenden Tätowierer, sagt Wittmann. Erstens: die Professionalität. Warlich hatte eine Maschine, die präziser und besser arbeitete als alle, die man in Deutschland kannte. Warlich ließ sich fotografisch inszenieren und war ein guter Selbstvermarkter. Warlich hatte Kontakt zu Ärzten, zu Professoren, er wollte das Tätowieren in ein gutes Licht rücken. Zweitens: die Qualität. Seine Linien waren scharf gezogen, seine Farben stachen hervor, seine Motive hatten Kraft. Warlich bedachte beim Zeichnen das Altern der Haut, er achtete auf den Abstand der Linien, dass sie niemals verwischen. Drittens: der Nachruhm. Einige von Warlichs Motiven, ein Teufelskopf zum Beispiel, sind stilprägend. Sein Vorlage-Album ist weltweit bekannt.

Das Album

Jahrzehntelang lag es in Christian Warlichs Gaststätte auf dem Tresen, die Kunden konnten darin blättern und Motive auswählen. Das Album war kein klassisches Buch, es war eher eine Kladde mit Zeichenkarton-Seiten. Warlich schnitt sie zurecht, machte seine Skizzen und klebte sie dann ein. Auf jeder der großflächigen Seiten fanden sich mehrere Motive: Schiffe, Schlangen, Teufel, Indianer, Kreuze mit Engeln. Auf einer Seite sind eine Schwalbe, eine Banderole, in der "Hamburg" steht, und eine Blüte zu sehen – das Tattoo, das Peter Neumann wählte. Es gibt drei Nachdrucke des Albums aus den Jahren 1981, 1987 und 1991. Das Format ist viel kleiner, die Farben sind blasser, die Qualität ist schlechter. Sie sind trotzdem kaum zu kriegen. Wenn mal eines in einem Antiquariat zum Verkauf steht, kostet es mindestens 300 Euro.

Der Forscher und der Tätowierte

Ole Wittmann will das Album neu herausbringen, er will auch eine Ausstellung machen: zum Album und zu Christian Warlich. Was er dafür braucht, sind Objekte aus der Zeit. Was er dafür aber auch braucht, sind Geschichten. Wittmann dachte sich: Es muss doch noch Menschen geben, die von Warlich tätowiert wurden! Nur hatte er niemals einen getroffen. Also ging er auf die Suche, gestaltete Plakate, hing sie auf St. Pauli aus. So wurde Kathrin Fromm, eine ZEIT-Mitarbeiterin, auf Wittmann aufmerksam und führte für die Elbvertiefung, den Hamburg-Newsletter der ZEIT, ein Interview. Das Interview lasen Journalisten der Bild-Zeitung, sie meldeten sich bei Wittmann und starteten mit ihm einen Aufruf: "Wer trägt noch Werke von Christian Warlich unter der Haut?" Als Peter Neumann die Schwarz-Weiß-Fotos von dem Mann mit Schlips sah, dachte er, den kenne ich doch. Er wollte sich melden, wusste aber nicht, wie. Eine E-Mail? Er hatte keinen PC und kein Smartphone. Aber nebenan wohnte eine junge Familie, die wollte er fragen. Also schrieb die Nachbarin die Mail und schickte gleich noch ein Foto des Motivs auf dem Unterarm mit. Als Ole Wittmann den Anhang öffnete, wusste er sofort Bescheid: ein Original aus dem Vorlage-Album. Was für ein Fund! Der Forscher meldete sich bei Peter Neumann, die beiden Männer trafen sich, und Neumann erzählte seine Geschichte. Am Ende hatte Wittmann noch eine Frage: "Warum war es Ihnen eigentlich so wichtig, sich zu melden?" Peter Neumann antwortete: "Ich wusste, wenn ich mich nicht melde und Sie ein wenig trödeln, sterben die letzten weg, die bei dem alten Mann mit der dicken Brille auf dem Stuhl gesessen haben."

Mitarbeit: Kathrin Fromm