Petra Bahr ist Landessuperintendentin für den Sprengel Hannover. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

Die Deutung des Ausgangs der Wahl in der Türkei sollte klugen Analysten und Türkeikennern, aber auch Expertinnen für Medienmacht und Verschwörungstheorien überlassen werden, denen, die sich mit Clanstrukturen ebenso auskennen wie mit einem Volksverständnis, das Antidemokraten immer haben: Wer nicht für mich ist, gehört nicht zum Volk, sondern ist ein Verräter.

Mit Verrätern diskutiert man nicht, man wirft sie ins Gefängnis. Unisono jubeln die Erdogan-Anhänger in Deutschland darüber, dass dieser Führer der Türkei ihnen Ehre und Stolz zurückgegeben habe. Ehre und Stolz für Menschen, die seit drei Generationen in Berlin oder Bocholt leben? Nicht Recht und Würde, sondern Ehre und Stolz. Mit diesen Begriffen verbindet sich eine Vorstellung von Status und Anerkennung, die im 19. Jahrhundert auch noch in Deutschland hohen Wert hatte. Ehre und Stolz, das sind nach außen gewendete Anerkennungsformen in Männerbünden und Gemeinschaften gewesen. Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und dem Verschwinden in einem Kollektiv, in dem ungeschriebene Gesetze die wahre Männlichkeit wiederherstellen, ist offenbar groß, größer, als das offene Gesellschaften vermuten lassen. Die Gegenbegriffe sind "Kränkung" und "Beleidigung". Der symbolische Austragungsort für Ehrverletzungen war nicht das Recht, sondern das Duell.

Es kommt nicht von ungefähr, dass die großen Autoren der beginnenden Moderne ins Zentrum ihrer Erzählungen gekränkte Männer setzten, deren Stolz und Ehrlust mit den Regeln der neuen Welt nicht mehr übereinstimmten. Ehre und Stolz statt Recht und Würde, Demütigung und Belobigung, Scham und Beschämung, das ist die Währung, mit der zunehmend auch in westlichen Gesellschaften wieder Aufmerksamkeit erkauft wird. Ein ganz und gar unrepublikanischer Gedanke, der die offene Gesellschaft von innen gefährdet, weil sich plötzlich nur noch Gruppen von Ehrverletzten gegenüberstehen. Timothy G. Ash nennt das die schleichende Tribalisierung moderner Gesellschaften, eine Reaktion auf Entwurzelung und Individualisierung, aus der keine neuen Formen der Vergemeinschaftung, sondern die Sehnsucht nach einer Vergangenheit folgt, die nur schön ist, wenn man nicht in ihr überleben muss.